Beim Elternabend erfahren wir, das Ghazi nicht mehr lang unsere Klasse, unsere Schule besuchen wird. Nadir wurde schon in einer Wohngruppe untergebracht, wo er scheinbar unglücklich ist. Jetzt soll auch Ghazi in eine Wohngruppe wechseln. Das Haus in der Nähe unserer Schule ist doch nur eine Erstaufnahmestelle. Danach werden sie dorthin gesendet, wo sie hingehören. Und Ghazi gehört in eine jüngere Gruppe.

Vom Heim kommt eine Sozialpädagogin, eine andere, uns noch unbekannt. Wir vergleichen unsere Eindrücke über Ghazi und es ist kaum zu glauben, dass wir über das gleiche Kind sprechen. Unruhestifter dort, bei uns ein Musterschüler, was sein Verhalten angeht.

Gestern war er für einige Stunden bei mir. Als ich ein Spiel vorschlug mit dem Ziel, den gelernten Wortschatz zu wiederholen, lehnte er es ab. Spielen? Nee, das mache ich im Haus, jetzt will ich lernen, sagt er. Und sitzt im Zimmer, in einem Bildwörterbuch versunken, das ich neulich für ihn druckte . Er schrieb die Wörter in seinen Block. Jetzt schafft er es schon, die Buchstaben in einer „normalen“ Größe, in einer Linie zu schreiben. Er war so eifrig, dass er nicht nur die klassische Kombination Deutsch-Arabisch abgeschrieben hat, sondern auch das englische Wort dazu. Er wollte, wie er erklärte, mehr lernen. Dann zeigte er mir den Zettel mit der Einladung zum Elternabend und fragte mich, ob ich der Sozialpädagogin sagen würde, dass er gut ist. Alles klar.

Dazu muss erklärt werden, dass Ghazi einen neuen Lernpartner in dieser Woche bekam. Jetzt haben wir einen jungen Kurden aus dem Irak, nicht unbegleitet, sondern mit Mutter und drei Brüdern unterwegs. Einer seiner Brüder besucht bei uns die achte Klasse. Am ersten Tag war es nicht leicht zu erklären, dass er in eine Ganztagsklasse gehörte und nicht mit seinem Bruder nach Hause durfte. Am zweiten Tag musste ich ihm mitteilen, dass am Mittwoch keine Schule gab. Mittwoch keine Schule? Nur an diesem einen Tag, erklärte ich und machte Gesten zu zeigen, dass es ein Tag zum beten war.

Am Donnerstag fragte ich beide, wie ihr freier Tag war. Nicht gut, behaupteten beide unisono. Schule besser, Schule gut. So lange sie sich in der Schule wohlfühlen, denke ich, dass alles gut läuft. Dass sie schon lernen werden, weil sie sich nach und nach entspannen. Der kurdische Junge, Ibrahim, lächelt schon am ersten Tag. An seinem zweiten Tag gehen wir gemeinsam in die Stadtbibliothek, wo die Kinder der Übergangsklasse einfache Spiele kennenlernen. Ghazi möchte nicht mitspielen, dafür vertieft er sich in ein Kinderländerlexikon und zeigt einem Schulkameraden aus Rumänien Bilder von Syrien. Bilder von einem Land, das es nicht mehr gibt, mindestens nicht so, wie im Buch abgebildet. Zumindest nicht jetzt.

Ibrahim versteht an seinem zweiten Tag Spielregeln und macht begeistert mit. Keiner der dort war hätte sagen können, dass das Kind gerade in dieser Klasse angekommen war. Er lernte schon Englisch in der Schule, vielleicht deswegen fällt es ihm leichter, uns zu verstehen. Bei vielen neuen Wörtern zieht er sofort den Vergleich mit Englisch. Allein dadurch, dass er mit Ghazi in einer Lerngruppe sitzt, hebt er die Latte. Jetzt engagiert sich Ghazi viel mehr, er will derjenige sein, der besser weiß, weil er länger da ist.

Doch wie lange noch? Die Sozialpädagogin ist sehr vorsichtig und nennt keine Termine für seine Wechsel. Müssen wir uns wirklich daran gewöhnen, in Stundenhotel-Modus zu arbeiten? Ist Ghazi das letzte Kind, das uns anvertraut wird und bald wieder weggeht, ohne dass wir die Früchte unserer Arbeit sehen können? Dass er schon ordentlich – aber gewiss sehr langsam – schreibt und jetzt schon lacht ist sicher ein Gewinn. Doch wie wenig kann ich ihn noch verstehen, wie gerne würde ich Sätze von ihm hören, wie gerne würde ich mehr über seinen Lebensweg erfahren.

Mir erzählt er, dass er seit zwei Wochen (seit zwei Mittwochen, sagt er, der das falsche Wort irgendwie lernte) nicht mit seiner Familie redet, weil sein Handy kaputt ist.

Die Szene gehörte in einen Film: bei Ibrahims Ankunft möchte ich wissen, wie lange er schon da ist. Ich zeige ihm meinen Kalender und erkläre was Tage, Wochen und Monate sind. Das versteht er natürlich nicht. Aber plötzlich strahlt er und sagt, „Happy Birthday“. Von mir aus, ich führe ihn zu unserem Geburtstagskalender und lasse ihn sich eintragen. Dann erfahre ich, dass er am nächsten Sonntag zwölf wird. Ich nutze die Gelegenheit und fragte Ghazi, wann er geboren wurde. Das wusste er nicht so genau, erklärte er. Aber er würde seine Mutter in Syrien anrufen und sie fragen. Das Bild eines Landes im Krieg wird mir dadurch noch bewusster.

Die Sozialarbeiterin erzählte, dass seit neuestem sein Handy ihm in der Nacht abgenommen wird. Wir haben schon bemerkt, dass er nicht mehr so müde ist, nicht so oft gähnt, nicht nebenbei einschläft. Die Sozialarbeiterin wird im Haus fragen, ob er tatsächlich keinen Kontakt zu seiner Familie hat. Und sie wird in ihren Bericht schreiben, dass er lernwillig und fleißig ist, so dass die neue Schule darüber informiert wird. Die neue Schule, die man für ihn aussuchen wird, wenn er nicht mehr zu uns kommt.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie “Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse” nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Alltag in einer Willkommensklasse: Besondere Tage

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