“Räum deinen Tisch auf und leg deine Materialien bereit!” – so oder so ähnlich höre ich mich Tag für Tag. Doch warum ist ein aufgeräumter Arbeitsplatz so wichtig?

Der erste Tag des Methodentrainings “Ich – du – wir” drehte sich um das “Ich”, also das Individuum. Hier könnt ihr nochmal den Aufbau des gesamten Projekts nachlesen.

Der erste Baustein dieses Tages war die Arbeitsplatzorganisation. Also die Frage: “Wie organisiere ich meinen Arbeitsplatz, damit ich am besten arbeiten und lernen kann?”

Ich gebe zu, dass ich diesen Baustein in der 4. Klasse viel zu spät durchgeführt habe. Ich habe den sauberen Arbeitsplatz zwar auch in den Jahren zuvor schon angesprochen, aber es gab nie diesen Lerneffekt bei den Kindern “Aha, ein sauberer und organisierter Arbeitsplatz bringt mich wirklich weiter!”. Ich bin ehrlich gesagt einfach immer davon ausgegangen, dass das sowieso klar ist, dass man seinen Tisch aufgeräumt haben soll… damit war ich wirklich blauäugig. Im Nachhinein kann ich nur empfehlen, schon viel früher die Arbeitsplatzorganisation praktisch und handlungsorientiert zu thematisieren.

Im Folgenden findet ihr einen Vorschlag, wie ihr das machen könntet. Der Zeitrahmen für diesen Baustein betrug ca. 2-3 Schulstunden.

Ich hatte im Voraus, bevor die Kinder ins Klassenzimmer kamen, einen Schülertisch mit zahlreichen Materialien vorbereitet, auf dem alles drunter und drüber lag. Wir versammelten uns um den Tisch herum und ein Kind durfte sich an den Tisch setzen. Dann forderte ich es auf, verschiedene Kleinigkeiten zu erledigen: ein Wort ins Heft zu schreiben, einen Schnipsel aufzukleben etc.

Was ich geplant hatte, klappte wie am Schnürchen: das Mädchen suchte und suchte, bis sie überhaupt den Füller fand. Dann dachte sie, es gäbe keinen Kleber – dabei war dieser nur unter vielem anderen versteckt. So wurstelte sie sich durch und brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um die Aufträge zu erfüllen. Die Zuschauer fingen schon recht schnell an zu schmunzeln und es wurde schnell klar, worauf ich hinauswollte. Wir besprachen kurz erste Eindrücke.

Anschließend ging jeder an seinen Platz zurück und sollte ein ähnliches Chaos anrichten wie auf dem Demotisch. Hefte, Bücher, Stifte und sonstiges Schulmaterial wurde gestapelt und durcheinandergebracht. Als alle soweit waren, bekamen die Kinder von mir einen ganz alltäglichen Arbeitsauftrag: Schreibe die Sätze von der Tafel ab und unterstreiche farblich, wie im Tafelbild vorgegeben. Ich gab einen angemessenen Zeitrahmen, fing aber bereits nach kurzer Zeit an, die Schüler aufzufordern, sich zu beeilen. Als einige wenige den ersten Satz abgeschrieben hatten, waren etliche noch am Suchen ihres Füllers und am Platzschaffen.

Ich brach die Phase ab und wir sammelten erneut unsere Eindrücke. In solchen Phasen ist für mich wichtig, dass es kein richtig oder falsch gibt. Jeder darf äußern, wie es ihm ergangen ist. Und so kamen schnell Äußerungen wie “Ich fühlte mich plötzlich stark unter Druck gesetzt.”, oder “Ich war total gestresst, obwohl es eigentlich eine einfache Aufgabe war.” und “Ich konnte meinen Füller einfach nirgendwo finden.”.

In einem nächsten Schritt sammelten wir zunächst, was denn sinnvoller wäre als das Chaos – wie also der Arbeitsplatz hergerichtet sein könnte. Dann wurde das Chaos aufgeräumt und es lag nur noch das Mäppchen ordentlich bereit.

Nun folgte eine zweite Testphase: die Schüler bekamen erneut verschiedene, alltägliche Arbeitsaufträge. Zum Beispiel zeigte ich ihnen zuerst ein Arbeitsblatt und erklärte, dass sie darauf etwas ausschneiden und dies ins Heft kleben müssen. Erst nach dem Auftrag durften sie ihren Platz so herrichten, dass sie bereit waren. Das hieß, Schere, Kleber und Heft bereitzulegen. Die Arbeitsphase begann, alle kamen ihrer Aufgabe nach. Wichtig war mir dann, dass alle auch abschließend ihren Platz noch einmal sorgfältig aufräumen, bevor sie wissen, was als nächstes auf sie zukommt.

Es folgte ein letzter Arbeitsauftrag. Wieder richteten die Kinder selbständig ihr benötigtes Material und erledigten die kurze Aufgabe. Nach dem Aufräumen, was schon deutlich schneller gelang, sammelten wir erneut unsere Eindrücke. Glasklar wurde festgestellt: “Ich konnte mit aufgeräumtem Tisch viel besser arbeiten.” und “Ich war viel ruhiger und empfand keinen Stress mehr.” oder “Ich fand sehr schnell, was ich brauchte und konnte sofort loslegen.”

Als Abschluss gestalteten wir gemeinsam ein Plakat für unser Klassenzimmer, auf dem wir die wichtigsten Punkte noch einmal festhielten:

  • Vor dem Unterricht lege ich mein Material bereit.
  • Das Mäppchen liegt immer auf dem Tisch.
  • Essen und Trinken sind nie auf dem Tisch.
  • Nach einer Phase oder einer Stunde räume ich meinen Arbeitsplatz auf.

Ich hatte das Gefühl, mit diesem Baustein des Projekts einen deutlichen “Aha-Moment” geschaffen zu haben. Natürlich ist es im Nachhinein wichtig, immer wieder ein Auge auf die Arbeitsplätze zu haben und das Thema nochmal aufzugreifen.

Arbeitsplatzorganisation

2 Gedanken zu „Arbeitsplatzorganisation

  • 18. Oktober 2016 um 12:40
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    Genial!
    Ich achte immer darauf, dass meine Kinder einen aufgeräumten Arbeitsplatz haben, aber das WARUM habe ich ihnen nie erklärt.
    Wenn sie selbst erfahren, warum der ordentliche Poatz wichtig ist, klappt es vermutlich noch besser.
    Vielen Dank für die gute Idee!

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  • 18. Oktober 2016 um 17:28
    Permalink

    Hallo ihr alle,
    bei uns an der Schule wird bereits in der 1.Woche der 1.Klasse daran gearbeitet. Das Verfahren ist ähnlich: es wird alles ausgepackt und dann nach etwas bestimmtem gesucht. Da jeder anders organisiert ist, dauert dies länger oder auch nicht. Und auch aus diesem ” Fehler” kann man schon in der 1.Klasse lernen. Ordnung ist wichtig.
    Liebe Grüße A.

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