Es geht weiter

Am ersten Tag nach den Herbstferien sind wir überrascht zu sehen, dass Ghazi allein in die Schule kam. Eine E-Mail der Sozialpädagogin vom Heim erklärt, dass Nadir in die Nachbarstadt gewechselt ist. Hinterher wurde er offiziell abgemeldet und fertig.

Fertig? Müssen wir uns in der Schule daran gewöhnen, dass wir uns um Kinder kümmern, die nach den Ferien einfach verschwinden? Ich rufe beim Heim an und bitte darum, vorbei zu kommen.

Ghazi ist jetzt allein in der Klasse. Niemand teilt sein Schicksal, kein anderes Kind in der Klasse ist in der Lage, ohne die Eltern eine Reise durch verschiedene Länder gemacht zu haben und hier mit anderen Minderjährigen in einem Heim zu wohnen. Ghazi verhält sich auch anders als vor den Ferien. Als er in dieser Woche mit mir allein im Zimmer lernt, fängt er an zu summen, genauso wie Nadir es machte. Er lernt schnell neue Wörter und ich lerne Wörter auf Arabisch. Wörter, die zu meiner Überraschung manchmal fast dieselben sind, wie in meiner Muttersprache. Oder ich lerne auch, dass Assad Löwe bedeutet und frage mich, wie es ist, in einem Land zu leben, in dem nicht der Nationalcoach sondern der Präsident wie das mächtigste Tier heißt.

Ghazi hat sich jetzt so entspannt, dass er lächelt. Nicht wenn er in der Klasse ist, sondern wenn jemand sich um ihm kümmert, wenn jemand mit ihm allein in einem Zimmer die lateinische Schrift lernt. Und es kommt auch dazu, dass er sich wie die anderen Kinder verhält. Ich nehme ihn und eine andere Schülerin in den Computerraum und während der Computer hochfährt, schiebt er den Stuhl durchs Zimmer. Ich wollte ihn beim Rechnen beobachten und wählte ein Spiel namens Add it up, bei dem es nicht viel zu erklären gibt. Er versteht das Prinzip und ist tatsächlich in der Lage, die Zahlen zu addieren. Was ihm fehlte, fehlte dem Mädchen auch: strategisches Denken, so dass er bis zum Ende alle Zahlen hat, die er später brauchen wird. (Das Spiel ist unter kidsnumbers.com leicht zu finden und ohne Anmeldung direkt online spielbar.)

Als wir vom Computerzimmer zurücklaufen, möchte Ghazi die Namen der Gegenstände wissen. „Was ist das?“, kann er schon fragen und zeigt auf die Heizung, das Fenster, die Tür. Dann fehlte ihm ein, dass auch das Mädchen zuerst überlegen muss, bevor ihr die Wörter einfallen. „Du, no German?“, fragte er.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie „Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse“ nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse – Teil 5

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