Wer mit Jugendlichen arbeitet, kommt nicht um das Thema Sauberkeit herum. Wir alle wissen, die Hormone spielen eine große Rolle, der Körper explodiert aus allen Poren. Eine meiner Schülerinnen aus Osteuropa riecht so stark, dass ich nach der Differenzierung das Zimmer lüften muss. Ihre Mutter trägt viel Schminke, also kann ich mir nicht vorstellen, dass es zu Hause an Hygieneartikeln fehlt. Es sind sicher die Hormone.

Ghazi ist älter als sie. Er behauptet, dreizehn zu sein. Das wissen wir nicht genau, aber weil er klein ist und zusammen mit Nadir (der ganz sicher nicht älter als 11 ist) kam, bleibt er doch in der 5./6. Klasse. Beide Jungen sind in Sachen Sauberkeit sehr gut erzogen. Ihre hygienischen Gewohnheiten sind vorbildlich. Wenn man bedenkt, dass beide ohne Eltern da sind, ist es umso erstaunlicher, dass sie so viel Acht geben. Sie benutzen die Spüle in meinem Zimmer um sich gründlich zu waschen, jedes Mal, wenn sie von draußen kommen. Das bedeutet nicht nur Hände waschen. Sie kippen die Ärmel hoch, waschen die Unterarme, das Gesicht und hinter den Ohren.

Am ersten Tag fragte mich Nadir „Germany?“ und schloss seine Arme um seine Brust um zu zeigen, dass er frierte. „Ja, in Deutschland ist es kalt. Kalt.“ Das kann er nicht früh genug lernen, dachte ich. Nadir hat seine Jacke noch nicht ausgezogen. Er sitzt im Klassenzimmer genauso angezogen wie er draußen ist. Ghazi hat schon kapiert, wie die anderen Kinder es machen und zieht seine Jacke aus, wenn er rein kommt. Darunter trägt er Hemden. Neulich zeigte er auf seinen Hals und sagte „Parfum“. Ein Zeichen dafür, dass er sich doch entspannt. In diesen letzten zwei Wochen sah ich ihn nur einmal lächeln. Das Kind, von dem die Fachlehrerin für PCB sagt, „er schaut immer noch so traurig…“ Beim Spielen schlug er einmal den sonst so flinken Nadir, dann strahlte er und gab mir ein High Five während er laut „Ha“ schrie.

Bei Nadir ging es schneller. Nach einer Woche hat er sich in meinem Zimmer so entspannt, dass er anfing zu summen, während er seine Buchstaben malte. Ghazi wollte ihn mahnen, sah ihn streng an, Nadir fragte „What?“. Dann erklärte ich, was für Nadir scheinbar sofort klar war: im „großen“ Klassenzimmer darf er nicht singen, aber wenn wir nur zu dritt sind – warum nicht?

Die Herbstferien waren die erste Schulpause für beide. Wie es nach den Ferien mit der Klasse weitergeht, wissen wir noch nicht. Ob neue Kinder aus dem Flüchtlingsheim zu uns kommen oder ob die beiden woanders landen, weil sie eine Pflegefamilie gefunden haben?

Aus dem Alltag mit Flüchtlingskindern – Teil 4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.