Im Lehrerzimmer war es vor Kurzem Thema und einige von uns plagte das schlechte Gewissen: die schwächeren Schüler versuchen wir aufzufangen, zu unterstützen und zu fördern – und das vereinnahmt viel Zeit. Die guten Schüler kommen gut mit, erreichen die Ziele und arbeiten selbständig. Die Zeit, um ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, ist begrenzt. Auch die richtig starken Kinder entwickeln sich wunderbar weiter, arbeiten selbständig, zielgerichtet und erfolgreich, ohne dass wir manchmal so richtig viel tun müssen. Was ein Geschenk!

Individuelle Förderung bedeutet aber nicht nur, die Schwächeren zu fördern und zu unterstützen, sondern genauso, die Stärkeren nach oben hin weiter zu fordern.

Im letzten Schuljahr habe ich dies versucht, in dem ich für jedes Kind einen Förderplan erstellt und ihm entsprechend Aufgaben angeboten habe. In Deutsch und Mathe standen den starken Lernern beispielsweise Textverstehensaufgaben zu längeren Texten, Anregungen zum Aufsatzschreiben oder auch Rechenaufgaben im 1000er-Raum zur Verfügung.

Nicht immer ist ein individueller Förderplan für jedes Kind plan- und durchführbar. Noch weniger Zeit steht uns für wirkliche Begabtenförderung im Sinne einer Talentförderung zur Verfügung. Und wie viele Talente habe ich in meiner Klasse!! Und jeder Einzelne von euch Lesern?

In Baden-Württemberg gibt es eine Stiftung, die sehr viel Geld in die Hand nimmt, um Begabtenförderung für Kinder anzubieten. Bis vor Kurzem wusste ich davon noch gar nichts! An sehr vielen Standorten in Baden-Württemberg unterhält die Hector Stiftung Kinderakademien. Lehrer empfehlen Kinder aus ihrer Grundschulklasse, die ihnen besonders positiv auffallen – und das kann in allerlei Bereichen sein, nicht nur im mathematischen oder sprachlichen Bereich. Sind die Eltern einverstanden, können die Kinder dann an einem Nachmittag über mehrere Wochen hinweg einen Kurs besuchen, der ihren Interessen entspricht.

Besonders toll finde ich persönlich Forscherkurse für kleine Wissenschaftler oder Kurse, in denen die Kids ihre ganz persönlichen Fragen mit einbringen dürfen – egal zu welchem noch so abwegigen Thema. Neben dem Forschen werden aber auch die Sprache, das mathematische Verständnis, die Bewegung und die Musikalität gefördert und gefordert. Beispielsweise habe ich einen Schüler in meiner 3. Klasse, der vor Wissensdurst nur so übersprudelt. Er interessiert sich besonders dafür, wie die Welt funktioniert und was man als Mensch alles tüfteln und bauen kann. “Normale” Hobbies wie turnen, Fußball spielen oder ähnliches interessieren ihn wenig. Die Kinderakademie bietet genau das, was er sich wünscht.

Ich selbst weiß nicht, wie es in anderen Bundesländern geregelt ist – aber ich bin mir sicher, dass es fast überall solche Angebote gibt. Informiert euch! Macht euch nicht nur stark für die schwächeren Kinder, sondern setzt euch auch für die besonders begabten und interessierten Schüler ein. Es lohnt sich! Eltern und Kinder werden es euch danken.

Begabtenförderung an der Kinderakademie
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2 Gedanken zu „Begabtenförderung an der Kinderakademie

  • 24. Oktober 2015 um 20:02
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    An unserer Schule greifen wir schon länger auf die Kurse der Hector-Akademie zurück. Wir haben das Glück, dass diese nachmittäglichen Kurse an einer nicht allzu entfernten Schule angeboten werden und wir schon lange in deren Verteiler sind.
    Unsere besonders fitten Kinder nehmen diese Kurse sehr gerne an. Mir gefällt, dass hier nicht nur Wissenskurse angeboten werden, sondern auch Kreatives. Die Kurse gehen von Schach über Astronomie, Spuren im Wald, Singen auf Französich bis hin zu Töpfern usw.
    Seit einigen Jahren bieten wir im Rahmen des Förderunterrichts auch sogenannte Pullouts für die besonders Begabten an, denn sind sie unterfordert, verlieren sie oft ihre Freude am Unterricht oder stören. Wir bieten “Logisches Denken” (Matheknobeleien), Philosohie, Methodentraining (manche der sehr Begabten haben trotz aller Fähigkeiten Probleme mit dem strukturierten Arbeiten und übersichtlicher Darstellung) und die “Ich-Entdecker” (Werteorientierte Persönlichkeitsbildung (im emotionalen, sozialen haben einige dieser Kinder durchaus auch noch Förderbedarf)) an. In der Regel mögen die Kinder diese Kurse sehr, obwohl es für sie zumeist eine Stunde Extra-Unterricht bedeutet. Vorgeschlagen werden die Kinder übrigens in der Klassenkonferenz, wenn auch über den Förderunterricht für die Schwächeren entschieden wird. Eigentlich bräuchten wir noch viel mehr Stunden für diese Art der Förderung, doch damit sieht es eher schlecht aus… Schön ist jedenfalls zu sehen, wie gut es sowohl den besonders Begabten als auch den Schwächeren tut, in kleineren Gruppen betreut zu werden, wo man verstärkt auf ihre Bedürfnisse eingehen kann. So hoffen wir, dass nicht noch mehr Stunden gestrichen werden und mit den noch größeren Ansprüchen an Individualisierung, die der neue Bildungsplan an uns stellen wird, uns vielleicht auch einfach mehr ZEIT dafür zur Verfügung gestellt wird, denn genau das ist es, was die Arbeit mit Kindern benötigt, Zeit, um auf Einzelne einzugehen, Zeit um Beziehungen aufzubauen. Aber ganz ehrlich, befürchte ich hierbei nicht allzu viel Gutes…
    Liebe Grüße
    Katrin

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    • 24. Oktober 2015 um 21:05
      Permalink

      Liebe Katrin, danke für dein ausführliches Kommentar! Sehr spannend zu erfahren, was andere Schulen tatsächlich in der Begabtenförderung leisten. Respekt! Wir wünschen uns sowas für unsere Schule auch – doch die Stunden sind einfach zu sehr begrenzt. Wie du sagst, es fehlt uns an Zeit! Und überall wird eher abgeschnitten statt aufgestutzt. Hast du schon mal einen dieser Kurse angeboten? Wie kann ich mir das vorstellen – bietet ihr in einem Schuljahr alle diese Kurse an oder immer mal das Eine, mal das Andere? Hast du eventuell Lust, darüber einen Artikel für meinen Blog zu schreiben?

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