Es ist ein Phänomen: durch mein Studium hindurch und anschließend die Jahre meiner Berufspraxis hindurch – noch ohne eigenes Kind – habe ich  mir andauernd so meine Gedanken darüber gemacht, wie Erziehung am besten gelingen kann. Was mir wichtig ist, was meine Prinzipien sind, und welche meine Werte, auf denen ich mein Erziehungskonzept aufbaue. Gefühlt ins kalte Wasser geschmissen (beginnend mit dem Referendariat) konnte ich mich, meine Wirkung und meine Ansichten in der Praxis ausprobieren. Dadurch ist mein Verständnis von Erziehung weiter gereift.

Heute stehe ich für eine konsequente, aber liebevolle Erziehung. Mir ist es wichtig, dass sich die Schüler bei mir gut aufgehoben und geborgen fühlen. Dass sie wissen, dass ich mich um sie sorge, für sie interessiere und immer ein offenes Ohr für sie habe. Gleichzeitig will ich ihnen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln, durch Klarheit und Transparenz, und indem sie genau wissen sollen, was ich von ihnen erwarte, und welche Konsequenzen sie zu tragen haben, wenn sie gegen die Regeln verstoßen. Die Einhaltung gewisser Grundregeln, vor allem denen des freundlichen Miteinanders, ist mir besonders wichtig und ich fordere sie immer wieder ein. Höflichkeit, Fürsorge und Hilfsbereitschaft stehen bei mir an erster Stelle. Natürlich nicht nur den Erwachsenen, sondern auch den Klassenkameraden gegenüber. In meiner letzten Klasse, die ich 4 Jahre lang führen durfte, habe ich immer und immer wieder darauf gepocht. Ich habe versucht, ein gutes Vorbild zu sein und immer wieder explizites Sozialtraining gemacht. Und so schaffte ich es tatsächlich, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Kinder wohlfühlten. Eine schulische Heimat, zu der die Kinder gerne kamen. In der sie sich verstanden und als wichtiges Teil der Gemeinschaft fühlten, in der jeder für den anderen da war und Zuspruch gab. Und das ist meiner Meinung nach das A und O, die Voraussetzung für gelingendes Lernen – welches dann wiederum nach den eigenen Vorstellungen gestaltet werden kann.

Nun, zurück zum oben genannten Phänomen. Nicht nur habe ich während des Studiums und meiner bisherigen Berufspraxis meine Vorstellungen von Erziehung geformt, ich habe mir auch immer wieder vorgestellt, wie ich dies und jenes machen werde, wenn ich einmal eigene Kinder habe. “Ich werde auf jeden Fall…” und “Niemals werde ich…” , so begannen viele meiner Gedanken. Und das ist ein Phänomen, das ich nicht nur bei mir, sondern auch bei vielen Kollegen beobachten konnte. Als Lehrer scheint man seine eigenen, unverrückbaren Vorstellungen zu haben, bevor man Kinder bekommt. Gibt es deshalb das Sprichwort: “Lehrer sind die schlimmsten Eltern?” 

Ich interessierte mich in meiner Schwangerschaft, solange ich noch arbeitete, sehr dafür, ob meine Kollegen, die bereits Kinder haben, sich zuvor die gleichen Gedanken gemacht hatten wie ich. Und ob sie ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen konnten. Witzigerweise war die Antwort auf meine Fragen oft die gleiche: Zuerst ein Lachen und dann das Eingestehen, dass alles ganz anders kommt, als man es sich vorher ausgemalt hat.

“Mein Kind sollte in seinem eigenen Bett schlafen und nie zwischen uns!” – genau, mittlerweile schläft besagte Tochter noch mit 3 Jahren im Bett der Eltern ;-) “Ich wollte auf jeden Fall nach einem strengen Zeitrhythmus stillen und nicht immer dann, wenn das Baby schreit.” – ihr denkt euch euren Teil. So könnte ich die Liste fortführen. Nicht, um meine Kollegen hier bloßzustellen oder gar zu verurteilen, im Gegenteil. Um zu zeigen, dass es mir ähnlich geht.

Mein Kind ist nun erst 9 Wochen alt und ich habe von vorneherein gemerkt, dass ich mir noch so vieles habe vornehmen können, aber letztlich alles anders kommt und man sich am Kind ausrichtet – danach, was es will und vor allem, was es braucht. Egal, was ich mir vorher überlegt hatte. Schlussendlich ist mir ausschließlich wichtig, dass es meinem Kind gut geht. Und wenn es besser in meinem Bett schläft, dann darf es das, ohne dass ich irgendwelche anderen Prinzipien zwingend durchsetzen muss.

Und ich glaube, dass ich im Laufe der kommenden Jahre, in denen mein Sohn aufwächst, immer wieder vor einer solchen Situation stehen werde: dass ich mir gewisse Dinge überlegt habe, wie ich dies und jenes auf jeden Fall machen möchte, und merke, dass es so aber überhaupt nicht funktioniert. Dass mein Kind vielleicht etwas ganz anderes braucht. Und ich nehme mir vor, flexibel zu bleiben und meinem Kind bestmöglich gerecht zu werden, ohne jedoch – wenn dann die Erziehung erstmal “so richtig” losgeht – mir und meinen Vorstellungen untreu zu werden. Ob es mir gelingt? Ich bin gespannt.


Nachtrag: Als ich diesen Beitrag nach dem Schreiben nochmal durchgelesen habe, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich noch nie zuvor meine Vorstellungen zu meiner Person, meinen Werten und dem, was mir in meiner Arbeit als Lehrerin wirklich wichtig ist, so konkret formuliert habe. Es ist ein gutes Gefühl! Und es hilft mir für meine zukünftige Arbeit. Ich denke, jeder Lehrer sollte das für sich einmal tun – und immer wieder reflektieren – denn nur so kann man sicher und selbstbewusst vor einer Klasse stehen, wenn man weiß, wofür man steht.

BuntesKinderzimmer: Lehrer und Erziehung

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