Eine neue Lerngruppe mit drei Kindern aus Syrien und einem aus Rumänien hat sich für eine Weile stabilisiert. Ich fand ein Heft für Flüchtlinge und besorgte einige Exemplare für die Syrer, da dieses Material auf Kenntnis der Arabischen Sprache basiert. Der Junge aus Rumänien bekam die Blätter, die ich sonst fürs Wortschatzlernen benutze. Die Differenzierung, meine Hauptaufgabe, wurde dadurch verstärkt. Die Kinder durften das Material nach Hause nehmen und mit Eltern und Geschwistern weiterlernen.

Eigentlich eine gute Sache, wäre nicht eine Art Wettbewerb zwischen den Kindern entstanden. Die Freundschaft zwischen den Vätern von Abid und Layla trägt dazu bei, dass die Kinder auch außerhalb der Schule oft zusammen sind. Layla lernt langsam, doch sie hat es eilig. Im Handumdrehen hatte sie das Heft fertig. Dasselbe wollte Abid natürlich auch erreichen. Doch bei ihm geht das Lernen durch Fragen, durch Vertiefung, was es auch effektiver macht. Bei der ersten Deutschprobe weinte Layla ganz verzweifelt und konnte nichts aufs Blatt bringen. Sie war blockiert: Alles, was sie schnell durchgearbeitet hat, verschwand durch ihre Nervosität.

In der Zwischenzeit hatten wir Elternsprechabend und von den 16 Kindern in unserer Gruppe kamen 13 Eltern. Meistens hat es mit dem Plan nicht geklappt, weil die Eltern irgendwann kamen, und nicht als sie einen Termin hatten. Junus Eltern kamen sogar zwei Mal. Als sie zu früh kamen und nur die Klassenlehrerin da war, hörten sie, dass der Junge in meiner Lerngruppe ist und dass ich eher was über ihn zu sagen hätte. Junus Mutter ist Englischlehrerin: Als sie später nochmal kam, führten wir ein angenehmes Gespräch. Seitdem lacht er nicht mehr über die Fehler, die andere Kinder machen. Oder mindestens nicht so oft. Mit den meisten Eltern war nicht viel Sprachkenntnis dabei und wir redeten mal rudimentäres Englisch, mal Anfängerdeutsch.

Irgendwann im April kam ein neuer Junge dazu. Auch aus Syrien. Bei ihm war es von Anfang an schwierig. Kein Wunder, er floh von Syrien in den Libanon, wo er in der Schule Französisch lernen musste, danach schaffte es die Familie bis nach Schweden, wo er auch die Schule besuchte. Jetzt ist er hier. Seine Mathekenntnisse entsprechen denen eines Erstklässlers. Seine Handschrift zeigt wenig Beherrschung des lateinischen Alphabets. Es ist schwer, ihn in die Lerngruppe zu integrieren, selbst gesteuertes Lernen ist nichts für ihn.

Und das Problem mit dem Schulmaterial… Alle Kinder bekommen bei der Anmeldung eine Materialliste. So war es bei Nuri auch. Als wir merkten, dass er nichts dabei hatte, rief ich bei der Caritas an. Und hörte, dass sie nicht für sein Schulmaterial zuständig waren. Die Familie bekam Geld und sollte davon alles für die Schule kaufen. Doch nach vier Wochen Schule hatte Nuri nichts. Dann hörten wir, dass er bald umziehen würde und dass wir bitte Verständnis haben sollen, bald ist er in einer anderen Schule, wo andere Sachen benötigt werden, also, was solls?

Anfang Juni war er immer noch da. In seiner Schultasche nur ein Heft und einen Ordner, beide bekam er von mir. Wir entschieden uns dafür, die Eltern einzuladen und mit ihnen zu klären, warum er immer noch nichts hatte.

Sie kamen an dem vereinbarten Tag, allerdings nicht zur vereinbarten Uhrzeit. Abwechselnd redeten wir mit den Eltern und passten auf die anderen Kinder auf. Die Eltern hatten einen Übersetzer dabei und taten so, als hätten sie nicht gewusst, dass er Schulmaterial brauchte. Sie fragten, ob er gut sei in der Schule. Als die Klassenlehrerin dem Jungen eine einfache Rechenaufgabe gab, rechnete die Mutter im Kopf und sagte die Zahl auf Arabisch. Dann bekam sie den Auftrag, mit Nuri zu Hause das Rechnen von Zahlen bis hundert zu üben.

Danach habe ich ein empfindliches Thema angesprochen.

Unser Kurde Ibrahin ist mit seinen 15 Jahren immer noch in der Klasse, obwohl ich mittlerweile zwei Mal beim Einwohnermeldeamt war und die Schule die nötigen Beweise über sein richtiges Alter hat. Ibrahin ist Linkshänder. Als ich merkte, dass er große Schwierigkeiten mit Schneiden hatte, sagte ich ihm, er brauche eine Linkshänderschere. Er hat nicht mal gewusst, dass es so etwas gäbe. Ich kaufte ihm am selben Tag eine und übergab sie ihm höchst feierlich. Ich ließ ihn auch gleich probieren und er war selig. Plötzlich konnte er mit links machen, was ihm schon immer Schwierigkeiten bereitete. Er schneidete Bilder aus einem Prospekt und strahlte dabei wie ein Kindergartenkind. Seitdem hütet er die Schere als seinen wertvollsten Gegenstand. Er weiß, dass er die Schere auch nicht ausleihen soll, denn andere Kinder konnten nichts damit anfangen.

Mit einer Ausnahme. Auch Nuri ist Linkshänder. Als ich Ibrahin vorschlug, er könnte Nuri seine Schere ausleihen, sagte Ibrahin, nein, „Ich darf nichts mit Nuri machen, sagte seine Mutter“. Abid bestätigte, Nuris Mutter hat extra ihm gesagt, Nuri soll von Ibrahin ferngehalten werden. Beide durften nicht in derselben Gruppe beim Schulfest mitwirken.

Ich erklärte dem Übersetzter und Begleiter von Nuris Eltern, dass wir in der Schule alle Kinder gleich behandeln sollen und dass sie eine Gruppe sind. Egal aus welchen Ländern sie kommen und welche Staatsangehörigkeiten sie haben, für uns sind alle Kinder gleich und haben dieselben Rechten und Pflichten. Als der junge Mann meine Wörter übersetzte, regte sich Nuris Vater deutlich auf. Er entfernte bei dem ganzen Gespräch seinen Kopfhörer nicht vom Ohr und brüllte etwas, das ich nicht verstehen konnte. Der Übersetzer sagte nur: „Ich habe es ihnen gesagt“. Was der wütende Syrer antwortete, wurde nicht übersetzt.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie „Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse“ nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Die neue Lerngruppe und das Kind, das dazu kam

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