Jahrgangsgemischtes Lernen in unserer Eingangsstufe – Teil 1: Aufbruch ins Abenteuer

Wie ihr vielleicht schon einmal zwischen den Zeilen bei mir gelesen habt, bin ich Lehrerin in einer Eingangsstufenklasse in Niedersachsen. Wir sind eine Zwergschule und haben so zwischen 50 bis 60 Schülerinnen und Schüler an unserer kleinen Dorf-Grundschule. Daher sind auch unsere zwei Eingangsstufenklassen mit jeweils 13 – 14 Kindern recht klein und überschaubar. Ich weiß, viele von euch haben es mit ganz anderen Schülerzahlen zu tun…

Wir führen nun seit drei Jahren die Eingangsstufe an unserer Schule und es gibt viele Gründe, die aus unserer Sicht dafür sprachen, dieses Modell einzuführen. Neben den vielen Gründen, die man an verschiedenen Stellen nachlesen kann, spielte für uns vor allem folgender Faktor die entscheidende Rolle:

Wir wollten weg vom Lernen „im Gleichschritt“ und hin zur individuellen Förderung und Forderung der Kinder.

Es ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass die Voraussetzungen, mit denen die Kinder in die Schule kommen, sehr unterschiedlich sind und die Schere der Fähigkeiten und Fertigkeiten, die die Kinder mitbringen, stark auseinander klafft. Dies allein begründet noch keine Jahrgangsmischung, aber war für uns der Grundgedanke, der uns sagte, es muss anders laufen.

Wir wollten die Lernentwicklung individueller gestalten: starken Kindern die Möglichkeit geben, durch den Unterrichtsstoff zu „flitzen“ und sie nicht auszubremsen. Schwächeren Kindern mehr Zeit geben können und andere Lernwege ermöglichen, ohne sie „abzuhängen“. Dies sollte auch die inklusiv beschulten Kinder einbeziehen.

Auch bietet die Eingangsstufe die Chance, fließende Übergänge zu gestalten, d.h. schwächere Kinder werden nicht in die 1. Klasse zurück versetzt, sondern verbleiben in der Lerngruppe und können mit den neu dazugekommenen „Erstis“ neu starten oder an den Stellen wiederholen, an denen ihre Lücken bestehen.

Stärkere „Flitze-Kinder“, die bereits nach einem Jahr die Kompetenzen der ersten zwei Schuljahre erworben haben, können mit den ihn bekannten „Großen“ bereits in Klasse 3 wechseln. Der Vorteil für diese Fälle ist, dass die Kinder nie allein in eine unbekannte Lerngruppe zurückversetzt werden bzw. in die neue Klasse springen. Sie bleiben immer mit einem Teil ihrer vertrauten Lerngruppe zusammen.

Außerdem kam nun zum Tragen, dass ich bereits an einer Schule mit Eingangsstufe unterrichtet hatte und so erste Erfahrungen gesammelt hatte. Ich hatte bereits erlebt, wie toll die Zusammenarbeit zwischen den Jahrgängen 1 und 2 funktionieren kann und wie umfangreich die Möglichkeiten der individuellen Förderung innerhalb dieses Systems sind.

So konnte ich bereits davon berichten, dass es sehr viele Vorteile bringt, die Kleinen von den Großen lernen zu lassen und wie selbstbewusst sich auch schwächere Kinder entwickeln, wenn sie sich einmal als die „Profis“ erleben.

Ich könnte nun viele Punkte erläutern, aber ich denke, für Interessierte an der Eingangsstufe empfiehlt es sich, sich auf der Seite des MK weiter zu informieren. Hier werden die Voraussetzungen und Merkmale der Eingangsstufe sehr gut dargestellt und erläutert. Für Interessierte gebe ich gerne den Link hier an! Auch kann ich hier nur etwas zur Eingangsstufe in Niedersachsen sagen, wie die Bestimmungen und Merkmale in den anderen Bundesländern aussehen, kann ich nicht sagen. Dazu wissen einige von euch sicher mehr. Wer Interesse hat, klickt mal hier:

http://www.mk.niedersachsen.de/startseite/schule/unsere_schulen/allgemein_bildende_schulen/grundschule/eingangsstufe/die-eingangsstufe-6230.html

Lange Rede, kurzer Sinn, schließlich entschieden wir uns als Kollegium für den Beginn dieses Abenteuers. Nach einiger Vorbereitungszeit, die geprägt war von Beratungen durch die Schulbehörde, Gesprächen mit erfahrenen Kollegen und Hospitationen in Grundschulen, die bereits seit vielen Jahren die Eingangsstufe führen, konnte unser Plan auch den Eltern vorgestellt werden und schließlich in der Gesamtkonferenz abgesegnet werden.

Die Eltern von diesem „neuen“ Modell und der neuen Art zusammen zu lernen zu überzeugen, hatten wir uns, ehrlich gesagt, schwieriger vorgestellt! Die Eltern schenkten uns trotz aller Skepsis und kritischen Nachfragen zu Beginn ihr Vertrauen und ihre Unterstützung. Klar gibt es immer Eltern, die immer noch nicht so richtig überzeugt sind, aber mittlerweile sprechen die zufriedenen Kinder und die guten Lernergebnisse für unsere Eingangsstufe.

Gleichzeitig stellen wir immer wieder klar, dass die Kinder durch die Jahrgangsmischung nicht zwingend schlauer werden und später alle zum Gymnasium kommen. Aber die Kinder lernen, selbstständig, mit Partner, im Team oder allein ihr Lernen zu organisieren, zu reflektieren und sich hilfsbereit und kooperativ zu verhalten.

Wie nun genau das Lernen und der Schulalltag in unserer Eingangsstufe abläuft, möchte ich beim nächsten Mal erzählen. Vielleicht mögt ihr dann wieder mitlesen? Ich würde mich freuen!

Jahrgangsgemischtes Lernen: Aufbruch ins Abenteuer

9 Gedanken zu „Jahrgangsgemischtes Lernen: Aufbruch ins Abenteuer

  • 17. September 2017 um 8:45
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    Wird zum Halbjahr auch gewechselt? Ich habe Jahrgangsmischung 3/4 unterrichtet und diese tolle Möglichkeit gab es an meiner Schule. LG Esther

    Antworten
    • 17. September 2017 um 15:46
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      Hallo Esther,
      in der Eingangsstufe gibt es keinen Wechsel zum Halbjahr. Die Kinder der Klassen 1 und 2 werden gemeinsam unterrichtet und dann geht nach einem Jahr der 2.Jahrgang in Klasse 3 weiter. Und in die Eingangsstufe kommen dann wieder die neuen Einschulungskinder dazu und die ehemaligen Erstklässler aus dem Jahr davor übernehmen dann die Rolle der “Großen”. Ich denke aber, dass es in den nächsten Teilen meiner “Serie” deutlich wird, wie es genau abläuft!
      Wie genau läuft denn dieser Wechsel zum Halbjahr bei euch in Jahrgang 3/4 ab?
      Liebe Grüße !

      Antworten
  • 17. September 2017 um 9:26
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    Hallo Frau Urbi,
    Was für ein toller Beitrag. Danke! Ich finde das Thema Jahrgangsmischung spannend, habe selbst aber keinerlei Erfahrung. Ich freue mich sehr auf deine nächsten Artikel. Da ich ebenfalls in Niedersachsen unterrichte umso mehr 😊👍
    Liebe Grüße,
    Lena

    Antworten
  • 17. September 2017 um 11:38
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    Liebe FrauUrbi, ich schließe mich Lena an, klingt sehr interessant und vor allem sehr vielversprechend! Bin sehr gespannt, wie ihr das Ganze konkret umsetzt. Grüße

    Antworten
  • 17. September 2017 um 13:43
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    Hallo Frau Urbi,

    ich freue mich sehr über Ihre neue Serie. Ich selbst habe im Studium ein Jahr lang in eine Flexklasse mitgearbeitet und seit dem bin ich von dieser Art des unterrichtens voll begeistert. In meiner jetzigen Schule gibt es diese leider nicht, aber ich hoffe sehr in naher Zukunft in einer Kombi-/Flexklasse arbeiten zu können.

    Lg aus Bayern
    Lena

    Antworten
  • 18. September 2017 um 15:09
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    Hallo Frau Urbi,
    vielen Dank für den Bericht und auch schon mal für die zukünftigen. Ich habe in den letzten beiden Jahren in Kombi 2/3 gearbeitet und bin jetzt in einer Flex 1/2 eingesetzt. Freue mich schon auf die Einblicke in Ihre Arbeit.
    VG

    Antworten
  • 19. September 2017 um 20:17
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    Liebe Frau Urbi,
    mit Interesse folge ich Ihren Berichten.
    Wir haben uns vor nahezu 10 Jahren entschieden, an unserer großen Grundschule (ca. 420 Kinder) auch jahrgangsübergreifende Klassen (1-4) anzubieten. 2 Jahre Vorbereitungszeit, Fortbildungen, Material erstellen und kaufen. Vor acht Jahren kamen dann unsere ersten 26 Schüler, die , da wir hier den Teiler für jahrgangsübergreifende Klassen überschritten, eigentlich durchweg von zwei Lehrerinnen begleitet wurden – und entsprechend verwöhnt waren. Nach einem Jahr wurden aus dieser einen Klasse zwei Klassen mit jeweils 13 Zweitklässlern und 6 neuen Erstklässlern. Jede Klasse hatte wieder ein Lehrerteam, Doppeltbesetzung gab nun aber aufgrund der Klassengröße nicht mehr.
    Nun arbeiten wir schon im achten Jahr in JüK 1-4 und sind mittlerweile drei Klassen. Daneben gibt es noch 15 jahrgangshomogene Klassen, so dass sich die Eltern in der Regel aussuchen können, welches System sie für ihr Kind wünschen. Dies erleichtert die Elternarbeit sehr, da hier keiner in JüK muss. In diesem Jahr ist es uns zum ersten Mal gelungen, ein ausgeglichenes Verhältnis der einzelnen (offiziellen) Klassenstufen zu haben: 6 Kinder pro Stufe und ein Flüchtlingskind, das irgendwie so mittendrin ist. Da wir nun wieder genau am Teiler für JüK-Klassen sind, haben wir vier Stunden Doppelbesetzung.
    Alle Vorteile, die Sie beschreiben, erleben wir so auch und genießen sie. Gerade unsere Viertklässler sind uns eine gewaltige Stütze, aber eigentlich auch schon die Zweier und Dreier. An den “Familienklassen” gefällt uns besonders, dass der Wechsel in jedem Jahr nicht so graviierend ist: im Optimalfall gehen nur sechs Kinder und ebensoviele kommen neu hinzu. Das bringt nicht ganz so viel Unruhe und unsere neuen Viertklässler genießen es, endlich einmal die Großen zu sein. Und die Zweier nehmen ihre Patenschaften (mit Unterstützung der Vierer) gegenüber den Einsern sehr ernst und sind so stolz, ihnen helfen zu können.
    Seit gestern sind unsere neuen Erstklässer in der Schule und ich frage mich immer wieder, wie schaffen es unsere Kolleginnen in den jahrgangshomogenen ersten und zweiten Schulklassen durch die Schultage zu kommen – ganz ohne Unterstützung von Schüler-Profis. Sie müssten eigentlich tagtäglich nach der Schule fix und fertig sein! So ein Gewusel! So viele Fragen! So viele Hilfegesuche der Neueingeschulten… Die Kolleginnen (an unserer Schule sind es nur Frauen) haben meine Hochachtung – und ich freue mich immer wieder über der Luxus einer gut eingespielten JüK (in der man so vieles nicht mehr erklären muss. Obwohl – die Regeln und Rituale müssen auch hier hartnäckig immer wieder wiederholt und ggf. auch angepasst werden.)
    Viele Grüße aus Baden-Württemberg
    Katrin

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    • 20. September 2017 um 16:58
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      Liebe Katrin, vielen lieben Dank für deinen ausführlichen Einblick in dein Schulleben! Es ist so schön zu hören, dass an deiner Schule schon so lange Jahrgangsmischung erfolgreich gelebt wird! Ich genieße auch jeden Tag die Vorteile und das bunte Treiben in meiner Eulenklasse mit meinen Großen und Kleinen! Ich habe auch schon reguläre erste Klassen gehabt und kann nur bestätigen, dass für mich die Anstrengung in einer reinen ersten Klasse bei mir persönlich höher war! Schön zu lesen, dass es noch mehr Fans der Jahrgangsmischung gibt! 😉

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  • 24. September 2017 um 13:47
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    Mich würde interessieren, welche Angebote ihr Eltern zur Information gemacht hab Gesamtelternabend? Angebote von Hospitation on JÜL -Schulen? Wurde eine Elternabstimmung gemacht oder nur Schulkonferenzbeschluss?
    Wir wollen in einem Jahr starten….

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