Ich habe das große Glück, meine nun schon 3. Klasse seit der 1. Klasse führen zu dürfen. Es ist meine erste Klasse, die ich so lange begleite. Und ich hätte nicht für möglich gehalten, was sich in so einer Zeit alles erreichen lässt!

Erst letzten Freitag staunte ich nicht schlecht, als die Kinder wieder einmal den Klassenrat komplett ohne mich und völlig selbständig durchführten. Sie nehmen sich den Fällen an, diskutieren, hören alle Meinungen an, reagieren, und achten darauf, dass niemand hereinruft. Am Ende einer Fallbesprechung suchen sie gemeinsam nach einer Lösung, einigen sich und halten sie fest. Auch Kollegen, die mich schon vertreten haben, sind von dieser Reife ganz angetan.

(Wie ich den Klassenrat Schritt für Schritt entwickelt habe, kann man hier nochmal nachlesen:

Immer öfter kommt im Klassenrat auch konkretes Verhalten der Kinder zur Sprache, welches sie schon in sehr kleinen Nuancen voneinander wahrnehmen und ggf. als unhöflich oder unfreundlich einstufen. Als ich so einen Fall vor Kurzem beobachtete, wurde mir klar, wie sehr ich 18 kleine “Abbilder” von mir geschaffen hatte ;-) Zumindest in vielerlei Hinsicht, denn ein höflicher und respektvoller Umgang untereinander ist mir sehr wichtig.

Seit Klasse 1 habe ich das Regiment sehr streng geführt. Es hört sich hart an, aber so war es. Natürlich können Erstklässler noch nicht so lange still sitzen und brauchen viel Abwechslung, das habe ich auch immer berücksichtigt – aber ich habe von Anfang an meine Regeln und deren Konsequenzen klar und deutlich kommuniziert und immer eingefordert. Natürlich gab es immer wieder Rückschläge, Schwierigkeiten, Kämpfe und auch Schüler, die mit mir angeeckt sind. Aber im Laufe der Zeit haben sich alle damit abgefunden und – sie liebten mich trotzdem alle. Ich sage das nicht als Eigenlob sondern vielmehr, um zu widerlegen, wovor vielleicht einige Eltern und Lehrer Angst haben: dass die Kinder es einem krumm nehmen, wenn man zu streng ist. Diese Erfahrung habe ich nie gemacht. Im Gegenteil.

Kinder brauchen Struktur und Klarheit. Sie wissen bei mir ganz genau, was ich toleriere und was nicht. Dass ich für sie immer ein offenes Ohr habe und mich für jeden Einzelnen interessiere, hat mit dieser Strenge und Konsequenz überhaupt nichts zu tun und ist für sie und für mich selbstverständlich.

In Klasse 2 hatte ich dann ein Regelwerk entwickelt, das mittlerweile viele meiner Kollegen übernommen haben. Es umfasst klare Regeln, eine einfache Handhabung während des Unterrichts und klare Konsequenzen – ebenso wie Belohnungen. Das habe ich hier bereits vorgestellt:

Mittlerweile bin ich mit meiner Klasse soweit gekommen, dass sie dieses Regelwerk selbständig weiterentwickelt haben und auch immer wieder die Durchsetzung und Weiterentwicklung dessen fordern. Sie fordern gegenseitig die Regeln voneinander ein.

Natürlich hatte und habe ich hohe Erwartungen an die kleinen Zwerge. Aber die darf man auch haben! Denn die können sie erfüllen.

Und wo stehe ich heute?

In meinem Unterricht habe ich so gut wie keine Störungen. Ich muss nur noch äußerst selten von meinem Regelwerk Gebrauch machen und kann mich voll und ganz auf meine Schüler verlassen. Die effektive Lernzeit ist dadurch viel mehr geworden, weil ich kaum noch Zeit brauche, um auf Störungen zu reagieren.

Auch die Eltern haben mir seit Klasse 1 sehr viel positive Rückmeldung gegeben. Natürlich gibt es immer Eltern, die etwas verhalten reagieren, wenn ihr Kind bereits in Klasse 2 nachsitzen muss oder nicht zu einem Ausflug mit darf. Aber letztlich haben die Eltern meine Entscheidungen immer unterstützt und diese Klarheit und Konsequenz, die mir wichtig ist, ausdrücklich geschätzt.

Ob mir das mit jeder Klasse so gut gelingt, das steht in den Sternen. Vielleicht hatte ich auch einfach Glück mit den Kindern. Ich merke natürlich, dass es sehr viel Kraft kostet, immer so präsent zu sein und seine Regeln durchzuziehen. In den höheren Klassen oder auch in schwierigeren Grundschulklassen, in denen ich nur wenige Stunden unterrichte, fällt es mir auch manchmal schwerer. Insgesamt habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass tatsächlich alles über die Beziehung läuft. Sobald man eine Bindung zu einer Klasse aufgebaut hat, nehmen sie Regeln und Konsequenzen auch besser an. Gerade am Anfang des Berufslebens als Lehrer zweifelt man ja oft an sich und der Berufswahl, wenn es in einer Klasse nicht läuft. Ich kann nur ermutigen, daran zu glauben, dass es mit der Zeit und der wachsenden Bindung besser wird.

Ich habe auch dahingehend Glück gehabt, dass die Eltern meiner Drittklässler im Großen und Ganzen auch recht streng und fordernd sind. Da sind nur sehr wenige dabei, die ihre Kinder einfach gewähren lassen. Wäre das anders, hätte ich damit wirklich meine Probleme, denn einem antiautoritären Erziehungsstil kann ich nichts abgewinnen.

Ein wichtiger Nachtrag, auf den mich die Leserin Trudy gebracht hat: Ich sage nicht, dass es einfach ist, konsequent zu erziehen. Im Gegenteil. Es erfordert viel Kraft und Durchhaltevermögen. Und es werden immer Kinder dabei sein, die trotz allem testen, testen, testen und querschießen. Oft sind das einfach auch die Kinder, bei denen das Elternhaus nicht mitzieht, was die Erziehung in der Schule angeht. Heißt, Konsequenten aus der Schule werden von daheim nicht mitgetragen oder belächelt. Selbstverständlich hatte ich solche Fälle auch. In so einem Fall schalten wir – spätestens – die Schulleitung ein und machen von §90 des Schulgesetzes Gebrauch. Denn spätestens dann sind die Eltern gefordert: sie müssen eine Betreuungsmöglichkeit für ihr Kind finden (oft handelt es sich ja auch um Eltern, die beide berufstätig sind). Und diese Szenarie wird dann weitergesponnen, immer mit dem Signal von der Schulleitung “IHR seid für euer Kind verantwortlich und somit auch für sein Verhalten! “. Und wenn es immer die gleichen Kinder sind, die permament stören, dann erst recht – denn dann müssen alle anderen Kinder der Klasse “geschützt” werden und es muss dafür gesorgt werden, dass guter Unterricht wieder möglich ist.

Letzte Woche habe ich einen Artikel bei der Huffpost gelesen, der den Nagel auch ganz gut auf den Kopf trifft: “Warum Eltern Angst vor ihren eigenen Kindern haben”.

Ich weiß, die Meinungen dazu gehen auseinander – die Diskussion ist hiermit eröffnet ;-) bitte schön!

Konsequenz in der Erziehung
Markiert in:                

13 Gedanken zu „Konsequenz in der Erziehung

  • 28. Mai 2016 um 7:47
    Permalink

    Darf ich fragen, wie viele Kinder im GU du in der Klasse hast? Ich würde behaupten auch recht streng, klar strukturiert und konsequent zu sein, aber meine erste Klasse ist nach fast einem Schuljahr weit davon entfernt sich an die Regeln zu halten. Vieles liegt da aber tatsächlich an der fehlenden (fehlerhaften) Erziehung zuhause und daraus resultierenden sonderpädagogischen Unterstützungsbedarfen.

    Antworten
    • 28. Mai 2016 um 8:23
      Permalink

      Liebe Judy, was bedeutet GU? Ich habe 18 Kinder in der Klasse. Hast du denn ein nachvollziehbares und klares system an Konsequenzen, das du durchziehst, wenn sie sich nicht an die Regeln halten? Ich kenne deine Klasse nicht, aber ich finde, nach einem Jahr müssen die Basics klar sein und das Verhalten soweit geordnet, dass Unterricht gut möglich ist. Diese Erwartung darfst du ruhig an die Kinder stellen. Und fordere das Verhalten dann auch ein. Natürlich ist es sehr viel schwieriger, wenn die Eltern nicht mitziehen. Vielleicht kannst du die Schulleitung in dem Fall mit ins Boot nehmen, um Konsequenzen zu vereinbaren, die auch die Eltern wachrütteln?

      Antworten
      • 28. Mai 2016 um 9:49
        Permalink

        Ja ich habe ein nachvollziehbares System, aber das juckt diverse Kids wenig… Vielleicht muss ich härtere Konsequenzen einführen?
        GU? = Gemeinsamer Unterricht= Inklusion. Habe derer 6 Kinder, davon 4 mit Schwierigkeiten in der emotionalen/sozialen Entwicklung, dazu noch 2 ADHS Kinder und nicht zu unterschätzen 28 Kinder, davon 19 Jungen. Auch ein konsequentes Lehrerverhalten stößt da dann leider an Grenzen, zumal wie du schon schriebst, wenn die Eltern nicht mitziehen. Habe viele kleine Prinzen in der Klasse… Aber genug gejammert.

        Antworten
        • 28. Mai 2016 um 10:03
          Permalink

          Das klingt in der Tat nach einer mächtigen Herausforderung, um es mal positiv zu sagen 😁🙈

          Antworten
  • 28. Mai 2016 um 8:57
    Permalink

    Danke für deinen Beitrag! Als Tagesheim-Lehrerin ist ein Regelwerk und dessen Einhaltung Um und Auf, um überhaupt irgendetwas bewerkstelligen zu können.Ich habe oft und lange mit mir gehadert, ob mein Weg der richtige ist, aber inzwischen weiß ich, dass speziell Kinder, die gerne und oft gegen Regeln anbranden, dann genau die sind, denen sie am allerwichtigsten sind und am strengsten bei anderen einfordern. Wenn wir als Lehrer und Erzieher vorgeben und vorleben können, was wir von den Kindern verlangen sind wir vorhersehbar, einschätzbar und vermitteln damit ein unglaubliches Gefühl von Sicherheit und führen auf lange Sicht zu einem stabilen, funktionierendem System. Jeder weiß was Sache ist, das ist sehr wertvoll, da sie dadurch eigenständig handeln können, genau wissend, wo diese Aktion einzuordnen ist.
    Es war auch ein langer Weg bis ich von Null anfangend ein System entwickelt habe, bei der es während der HÜ-Zeit so leise war, dass man einen fallenden Bleistift als störend laut empfand. Inzwischen ist es für die Kinder ganz selbstverständlich, dass es in dieser Zeit leise sein muss und vor allem wollen sie es selbst, was Voraussetzung dafür ist, dass es auch leise ist, wenn ich den Raum kurz verlasse.
    Lange Rede kurzer Sinn: Ich kann deine Ausführung vollkommen unterstreichen und habe die genau gleiche Erfahrung gemacht.

    Man muss Kinder Kinder sein lassen und sie in ihrem Rahmen eigenständig handeln lassen. Dann sind sie zu unheimlich Großem und Beeindruckendem fähig. Wie selbstständig einen Klassenrat führen, gemeinschaftliche Entscheidungen fällen, zielgerichtete Problemlösung, einem Bewusstsein von höflichem Umgang und Kompromissfähigkeit – alles Fertigkeiten, die viele Erwachsene schmerzlich vermissen lassen. Aber dafür braucht es Regeln und deren konsequente Einhaltung.
    Liebe Grüße
    Franziska

    Antworten
  • 28. Mai 2016 um 9:58
    Permalink

    Wir arbeiten in unserer 1/2 auch mit einem Verstärkersystem bei dem die Kinder für ein zuvor gemeinsam besprochenes Ziel (Ich bin freundlich, Ich bin hoflich….)Smileys sammeln können. Bei uns bekommt aber nur der einen Smiley, der sich an genau das Ziel für eine Einzel-/Doppelstunde gehalten hat. Zuvor legen wir im Klassenrat fest für welche Anzahl an gemeinsam gesammelten Tagessmileys es eine Belohnung gibt. Die Belohnung ist bei uns momentan immer eine gemeinsame Aktion für die Klasse ( Spielplatz, Film, Eis…) Das klappt je nach Ziel schon ganz gut und auch mit den GL Kindern ( 10 an der Zahl) deren Förderschwerpunkte meist im Emotionalen /Sozialen Bereich liegt. Vor allem, dass wir nichts wegnehmen müssen, sondern die Kinder etwas dazu verdienen ist ein spürbarer Unterschied (zuvor haben wir auch “weggenommen”).
    viele Grüße Nina

    Antworten
    • 28. Mai 2016 um 10:05
      Permalink

      Liebe Nina, positive Verstärkung finde ich auch sehr wichtig! Zieht bei manchen Kindern einfach mehr. Auch in meiner Klasse werden die Kinder für gutes Verhalten regelmäßig belohnt, was für sie einen Ansporn darstellt.

      Antworten
  • 28. Mai 2016 um 13:06
    Permalink

    Liebe Diana,
    ich kann dir nur zustimmen. Ich habe dieses Schuljahr eine erste Klasse übernommen und auch ihr führe ein “strenges Regiment”. Und es hilf tatsächlich! Die Kids haben sich in dieser Zeit so entwickelt, viel gelernt und Regelprobleme haben wir selten welche – und wenn dann sind es immer die gleichen zwei Kids, die das betrifft. Auch unser Klassenrat läuft jetzt schon fast von alleine, sie nennen was ihnen an der Woche gefallen hat, was nicht und wie man das ändern kann und ich höre meistens nur noch zu. Klare Regeln und Ansagen sind doch für Kinder (gerade in der heutigen Zeit, wo es das daheim ja oft nicht mehr gibt) extrem wichtig. Sie brauchen eine Richtschnur und wissen damit ganz klar, woran sie sind.
    Ganz liebe Grüße aus dem Sonnigen Klassenzimmer
    P.S. Ich finde deinen Blog übrigens super! :)

    Antworten
  • 28. Mai 2016 um 13:45
    Permalink

    Bei allen auffälligen oder herausfordernden Verhaltensweisen ist es wichtig, das einzelne Kind nicht aus den Augen zu verlieren. Pauschale Aussagen, die Schüler im Gemeinsamen Lernen diskreditieren, sind -auch pädagogisch – sehr fragwürdig.

    Wenn bei mir in der Klasse trotz Token-Systems und klarer Regeln das Schülerverhalten nicht so läuft, wie ich es wünsche, schaue ich mir zuerst meinen Unterricht an. Häufig impliziert eine Veränderung der Unterrichtsmethode auch eine Veränderung im Verhalten der Schüler. Wenn im Unterricht tatsächlich so gearbeitet wird, wie Susanne Schäfer es in ihrem tollen Blog schreibt, dass wir von den Stärken der Schüler ausgehen und den Unterricht individualisieren müssen (was letztendlich auch zu einer Abschaffung des unsäglichen GL-Stempels führt), dann – so meine Erfahrung – minimieren sich Unterrichtsstörungen.

    Antworten
    • 28. Mai 2016 um 16:19
      Permalink

      Da stimme ich dir zu. Oft führen zu lange Arbeitsphasen genauso wie unverständliche Arbeitsanweisungen oder gar über-/unterfordernde Aufgabenstellungen zu Unruhe. Die Schuld ist schnell beim Schüler gesucht. Das regelmäßige Überprüfen meiner Selbst und meines Unterrichts gehört für mich absolut zu meinem Selbstversändnis dazu.

      Antworten
  • 28. Mai 2016 um 18:21
    Permalink

    Hallo,
    mir ist beim Lesen ziemlich wehmütig ums Herz geworden. Bis vor 3 Jahren hätte das alles in deinem Beitrag auch von mir stammen können. Aber im Moment geht es mir mit meiner jetzigen Klasse so gar nicht mehr gut. Ich bin immer wieder am Verzweifeln. Natürlich hinterfrage auch ich mich, aber ich komme immer wieder zu dem Ergebnis, dass ich das, was im Moment an Konsequenzen zu ziehen wäre, nicht leisten kann. Fast jedes meiner 21 Kinder (davon 5 unterschiedliche Inklusionskinder) braucht ständig konsequente Reaktionen meinerseits, die aber so viel Zeit beanspruchen, dass es für mich einfach nicht leistbar ist. Außerdem fühle ich mich von fast allen Eltern nicht ausreichend unterstützt. Sie versuchen ganz oft, ihre Kinder vor mir und meinen Konsequenzen zu schützen (Mama hat gesagt, dass ich die Extraaufgabe nicht machen brauche, weil sie Schuld daran war, dass ich den Zettel nicht abgegeben habe) Es ist das erste Mal in meinem Lehrerinnenleben, dass ich üblege eine Klasse frühzeitig abzugeben bzw. überlege, wie lange ich sie noch ertragen muss.

    Antworten
    • 28. Mai 2016 um 18:38
      Permalink

      Danke für deine ehrlichen Worte! Auch solche Situationen gehören leider zu unserem Berufsleben und lassen uns auch mal (ver-?)zweifeln. Ich wünsche dir ganz viel Kraft! Für solche Zeiten ist mein Motto: Tubdein Bestes und erreiche damit soviel eben möglich ist – dann hast du dir hinterher nichts vorzuwerfen! Und achte auf dich.

      Antworten
  • 16. Juni 2016 um 14:19
    Permalink

    Hallo zusamen!

    Ich hab alles ganz gespannt gelesen und finde es hört sich wirklich prima an bei euch allen!
    Ich bin Berufsanfänger… frisch aus dem Referendariat und habe die Klassenleitung einer Kombiklasse 1/2, die Kids fordern dort durch die enorme Heterogenität schon sehr. Es sind immer 2-3 Schüler die quer schießen und den braven Rest stören. Ich frage mich immer – was sind denn GUTE Konsequenzen? Was nutzt ihr da? Welche Regeln sind euch am wichtigsten?

    Viele Grüße,
    Diana

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.