Der Mathematikunterricht ist nach einem wiederkehrenden Schema aufgebaut. Jede Woche gliedert sich wie folgt: An etwa drei Tagen erarbeite ich zu Beginn der Stunde (ganz wie im klassischen Unterricht) mit den Kindern im Sitzkreis den Lerninhalt. Anschließend gehen die Kinder an ihre Planarbeit. An einem Tag in der Woche arbeiten die Kinder häufig die gesamte Schulstunde an den Aufgaben des Arbeitsplans. In dieser Stunde nutze ich meinen Freiraum, um gezielt einzelne Kinder zu fördern. Hierzu treffe ich mich mit dem Kind bzw. den Kindern an einem Gruppentisch und wir arbeiten gemeinsam Lerninhalte auf.

Die fünfte Wochenstunde gestalte ich als Forscher- und Freiarbeitsstunde: die Kinder können entscheiden, ob sie a) wie gewohnt am Arbeitsplan arbeiten, b) die Aufgaben des Freiarbeitsregals nutzen oder c) sich mit Übungs- bzw. Forscherheften beschäftigen oder d) sich an Forscheraufgaben versuchen. Ich nutze diese Stunde wiederum intensiv, um einzelne Kinder zu fördern bzw. zu fordern. Von Zeit zu Zeit arbeiten wir auch in einer Kleingruppe an einer Problemaufgabe, welche nach dem Prinzip Think-Pair-Share bearbeitet wird. Die anderen Kinder arbeiten dann parallel am Arbeitsplan.




Eine Unterrichtsstunde gliedert sich in fünf Elemente:

1. Wir beginnen im Sitzkreis. Hier werden Lerninhalte des Arbeitsplans erarbeitet. Es ist hierbei insbesondere von Bedeutung, dass Aufgabenformate erklärt werden, so dass die individuelle Vertiefung vorgedacht wird (so entstehen weniger Fragen der Art „Wie geht das?“ während der Arbeitsphase).

2. Die zweite Phase dient der Orientierung: die Kinder sichten ihren Arbeitsplan und planen ihre Arbeit für die Stunde. Zudem wählen sie ihren Arbeitsplatz (in meiner Klasse hat jedes Kind seinen eigenen Sitzplatz; zusätzlich habe ich noch freie Tische und Gruppentische; gerne nutzen die Kinder auch den Flur oder benachbarte Räume, die gerade nicht genutzt werden).

3. Nun beginnt die eigentliche Arbeitsphase. Die Kinder bearbeiten zunächst die Aufgaben des Arbeitsplans und wählen anschließend noch Aufgaben aus dem Matheregal zur Vertiefung.

4. Etwa fünf Minuten vor Stundenende gebe ich ein Klangsignal und fordere die Kinder zur Selbstreflexion auf. Auch soll die Hausaufgabe im Arbeitsplan markiert werden.

Als ich dieses Vorgehen eingeführt habe, haben wir die Phasen im Einzelnen genauer besprochen, so dass die Kinder sich an das Arbeiten gewöhnen konnten. Entscheidend ist es gewesen, dass die Kinder stets verstanden haben, wozu sie die einzelnen Phasen durchlaufen (Zieltransparenz). Das ist insbesondere bei der Selbstreflexion notwendig (siehe Lernplaner). Die leistungsschwächeren Kinder habe ich in dieser Zeit gezielt begleitet: wir haben in Kleingruppen die Phasen immer wieder durchlaufen, während die leistungsstärkeren Kinder bereits selbstständig vorangeschritten sind.

Da ich die Klasse erst im zweiten Schuljahr übernommen habe, kannten die Kinder die Übungsformate aus Flex und Flo schon recht gut. Daher konnte ich mich darauf konzentrieren, die Kinder in die Arbeit mit den Arbeitsplänen einzuführen. Um die Kinder an die Arbeit mit den dargestellten Arbeitsplänen zu gewöhnen, habe ich zu Beginn den Arbeitsplan mit den Kindern gemeinsam in kleine „Mathe-Häppchen“ eingeteilt: die Kinder haben überlegt, wie viele Aufgaben sie in einer Stunde schaffen wollen und so einen kleinen Wochenplan für sich erstellt. Dadurch haben die Kinder gelernt, wie sie ihr lernen selbst planen können. Diese Wochenpläne waren zwar anfangs praktikabel, jedoch passten sie irgendwann nicht mehr richtig zum individuellen Lernen. Es engte einige Kinder teilweise ein, da sie schneller arbeiten wollten, als sie es zu anfangs eingetragen haben, und andere waren langsamer als geplant.

Da es mir dennoch wichtig war, dass die Kinder ihr Lernen selbst planen und reflektieren lernen, habe ich einen Lernplaner entwickelt, in welchem die Kinder das Datum, das Lernziel, welches sie sich für die Stunde vornehmen, und die entsprechenden Aufgaben eintragen. Zusätzlich tragen sie ein, welche Freiarbeitsmaterialien sie bearbeiten. Anschließend bearbeiten sie die Aufgaben in der Regel in Einzelarbeit. Es kommt jedoch immer wieder vor, dass sich Kinder zusammentun und gemeinsam an Aufgaben arbeiten. Da alle Kinder in ihrem individuellen Lerntempo arbeiten, können sie sich gegenseitig um Hilfestellung bitten. Gegen Ende der Stunde reflektieren die Kinder zunächst ihr Arbeitsverhalten (Habe ich alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe? Habe ich konzentriert gearbeitet) und ihr Lernen (Wie gut beherrsche ich den Lerninhalt? Muss ich noch weiter üben?). In der Praxis hat es sich bewährt, dass die Kinder die Aufgaben im Arbeitsplan durchstreichen, wenn sie sie bearbeitet haben. Das erleichtert die Orientierung. Zugleich markieren die Kinder am Ende die Stunde die Aufgabe, welche sie als Hausaufgabe bearbeiten, indem sie diese Aufgabe umkreisen.

Die Arbeit mit diesem Lernplaner haben wir natürlich auch zuerst einmal geübt. Dazu haben einzelne Kinder zu Beginn der Stunde im Sitzkreis ihr Lernen exemplarisch geplant, so dass andere beispielhaft erfahren konnten, wie sie vorgehen können. Oder aber ich selbst habe meinen alten Lernplaner vorgelegt. Die Kinder haben gesehen, dass ich den Lerninhalt noch nicht sicher beherrsche und mir daher geraten, zum gleichen Lernziel noch einmal zu arbeiten.
Auch die Selbstreflexion haben wir im Sitzkreis ähnlich mehrmals geübt. Um die Kinder für die Bedeutung dieser Selbstreflexion zu sensibilisieren, habe ich ebenfalls meine Lernplaner vorgelegt und wir haben erfahren, dass wir uns ehrlich einschätzen müssen, damit die Lernzielkontrolle auch zu schaffen ist.
Im nächsten Beitrag erzähle ich euch, wie ich die Unterrichtsinhalte eines Schuljahres in den Plänen untergebracht habe und wie sich individuelle Lernzeiten mit Themeninseln aus der Geometrie, aus dem Bereich der Größen und des Sachrechnens abwechseln.


Jörgs Konzept basiert auf folgendem Buch:
Individuelles Lernen mit System: Ein praxiserprobtes Jahreskonzept für alle Grundschulklassen (Partner-Link)

Wenn ihr nochmal nachlesen wollt, was Jörg Grundsätzliches über sein Unterrichtskonzept des indivudellen und niveaudifferenzierten Mathematikunterrichts geschrieben hat, klickt bitte hier.

Matheunterricht individuell: Ablauf

6 Gedanken zu „Matheunterricht individuell: Ablauf

  • 29. Mai 2017 um 15:17
    Permalink

    Hallo Jörg,
    vielen Dank für den Einblick in deine Arbeit.
    Ich hätte eine Frage zum Lernplaner: Füllt den jedes Kind täglich als Kopie aus oder wie handhabst du das?
    Danke schonmal für deine Antwort.
    Ich freue mich auf weitere Beiträge von dir.

    Liebe Grüße
    Bettina

    Antworten
    • 29. Mai 2017 um 18:07
      Permalink

      Hallo Bettina,

      Den Lernplaner füllt jedes Kind täglich außer freitags aus. Ich kopiere immer 4 auf eine Seite, so dass es für eine Woche passt. Da freitags Forscherstunde ist, braucht dann kein Lernplaner ausgefüllt werden.

      Hilft dir das?

      Liebe Grüße
      Jörg

      Antworten
      • 29. Mai 2017 um 22:17
        Permalink

        Hallo Jörg,
        danke für deine Antwort. Sie hilft mir durchaus weiter. Ich möchte meine Arbeit auch in diese Richtung verändern und bin gespannt auf weitere Beiträge von dir.

        Schönen Abend

        Bettina

        Antworten
  • 30. Mai 2017 um 16:03
    Permalink

    Vielen Dank, lieber Jörg, dass du uns deinen Unterricht vorstellen. Ich bin schon sehr lange im Dienst, aber immer weniger zufrieden mit dem gemeinsamen “gleichschrittigen” Unterricht. Von daher kommen deine Ideen gerade recht, vielleicht mache ich mich ja auch nochmal auf, und probiere etwas Neues aus!
    Einige Fragen habe ich noch:
    1) Wie viel ZEit hast du denn dann im Unterricht noch für das “Abarbeiten des Planes” in den Stunden, in denen gemeinsam etwas erarbeitet wird? Ich stelle mir das gerade in meiner Klasse vor, und da würden einige Schüler vermutlich 15 Minuten überlegen, welche AUfgabe sie denn jetzt bearbeiten, bevor sie damit überhaupt beginnen… und dann wäre die Arbeitsphase ja wahrscheinlich schon wieder vorbei…
    2) Was machen Kinder, die beispielsweise nach 1 Woche schon fertig sind mit dem Plan?
    3) Du schreibst, dass jeder jeden Tag und jede HA mind. 1 Aufgabe erledigen soll. Was meinst du mit einer AUfgabe, eine Zeile deines Plans, auch wenn dabei auch mal z. B. S. 15 Nr. 3-6 steht (es also eigentlich 4 Aufgaben sind) oder wirklich nur 1 Aufgabe? Ist es dann gegen Ende des Plans so, dass einige Kinder sehr viele HAusaufgaben haben, da sie vorher wenig gemacht haben bzw müssen die Kinder den Plan am Ende zuhause beenden?
    4) Zum Freiarbeitsmaterial: Wenn ich es richtig verstanden habe, machen die Kinder immer erst eine Aufgabe im Arbeitsplan und danach eine aus dem Freiarbeitsregal. Sie überlegen sich ja aber am Anfang der Stunde, welches LErnziel sie in dieser Stunde verfolgen (also a, b oder c… – nehme ich an?), woher wissen sie, ob das Freiarbeitsmaterial diesem LErnziel dient? ODer steht das auch drauf?

    Liebe Grüße und vielen Dank für deine Anregungen,
    Astrid

    Antworten
    • 31. Mai 2017 um 20:56
      Permalink

      Hallo Astrid,

      danke dir für dein Feedback zu meinem Artikel. Zu deinen Fragen möchte ich gern folgendes schreiben:
      1) Natürlich mussten wir üben, wie man sich organisiert und wie lange diese Phase dauern soll. Mittlerweile (Klasse 4) treffen wir uns direkt im Sitzkreis. Wir erarbeiten entweder neue Lerninhalte oder ich greife Inhalte auf und wir bearbeiten Aufgabenformate ähnlich wie die im Mathebuch. So arbeiten wir etwa 10-15min. Anschließend gehen die Kinder an die Planung (max. 5min) und bearbeiten dann ihre Aufgaben. In dieser Zeit kann ich weitere Hilfestellung geben oder Kinder fördern. Mittlerweile beantworte ich Fragen auch nur noch, wenn ich merke, dass das Kind sich schon selbst mit der Aufgabe auseinandergesetzt hat. Auch verweise auch leistungsstärkere Kinder, die ebenso helfen und erklären.
      2) Für Kinder, die schnell fertig sind, habe ich die Aufgaben aus dem Matheregal, teilweise aber auch herausfordernde Denk- und Forscheraufgaben. Dazu zählen z.B. auch Fermi-Aufgaben. Dadurch fordere ich diese Kinder im Problemlösen, Kommunizieren und Argumentieren sowie Darstellen von Lösungswegen. Kinder , die z.B. die Aufgaben von dem Niveau 1Stern bearbeitet h, können sich Aufgaben der nächsten Schwierigkeit vornehmen.
      3) Die Pläne sind so angelegt, dass es in der Regel zu schaffen, in der angegebenen Anzahl an Unterrichtsstunden und Hausaufgaben die Aufgaben einer Schwierigkeitsstufe bearbeiten kann. Wer trödelt, hat dann viel zu tun am Ende. Diese Kinder arbeiten zu langsam, das sage ich ihnen (und den Eltern) dann auch.
      4) Das Material aus dem Matheregal ist entsprechend der Lernziele gekennzeichnet (auf der gezeigten Rückseite ist noch die alte Tabelle: ich habe mittlerweile eine Spalte ergänzt, in der die Lernziele angegeben sind).

      Hat dir das geholfen? Wenn du noch weitere Fragen hast, melde dich gerne.

      Liebe Grüße

      Jörg

      Antworten
  • 18. Juni 2017 um 18:45
    Permalink

    Hallo Jörg,

    vielen Dank für deinen Einblick in deinen Mathe-Unterricht! Deine Beiträge sind sehr spannend und ich freue mich immer schon auf den nächsten.
    Mich würde interessieren, wie du die Arbeiten der Kinder kontrollierst (sowohl aus den Freiarbeitsphasen als auch die Hausaufgaben). Mir passiert es immer wieder, dass ein Kind relativ lange an einer Aufgabe arbeitet ohne zu merken, dass es etwas noch nicht richtig verstanden hat. Wenn ich dann dazu komme, hat das Kind manchmal schon ziemlich viele Aufgaben falsch bearbeitet und es ist natürlich dann frustriert, wenn es alles noch einmal korrigieren muss.

    Ich bin gespannt auf deine Antwort.
    Inga

    Antworten

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