Ein Beispiel. Ein 13-Jähriger legt in meinem Unterricht völlig offensichtlich und bewusst eine pure Unlust an den Tag. Ich versuche ihn einzubinden. Wenn ich ihn drannehme, grinst er mich an und weiß nicht, wovon wir reden. An manchen Tagen lasse ich ihn gewähren, an anderen versuche ich ihn aus der Reserve zu locken. Vor Kurzem trieb er es aber auf die Spitze, ich musste ihn mehrfach ermahnen, und zog schließlich die notwendigen Konsequenzen, die den Schülern bekannt sind. Natürlich fühlte er sich absolut ungerecht behandelt, geriet auf 180 und blaffte mich an, das wäre ihm alles scheißegal, er würde das sowieso nicht machen, und wenn er dann nachsitzen müsste, würde er eben einfach nach Hause gehen…

Neben meiner Funktion als Klassenlehrerin einer 4. Klasse bin ich ja auch in den höheren Klassen als Fachlehrerin für Englisch tätig. In aller Regel mache ich das ganz gerne, weil es eine Abwechslung darstellt. Außerdem mag ich das Fach sehr gerne und viele Schüler auch. Und irgendwie ist es auch ein gutes Gefühl, dass man ab und zu zu den Teenies durchdringen kann. Gerade jetzt, wo ich kurz vorm Mutterschutz stehe, zeigt doch der ein oder andere, dass er über die Jahre eine Bindung zu mir aufgebaut hat – auch wenn sie das sonst ganz gut zu verstecken wissen ;-) auch das rührt mich.

Trotzdem überwiegt der Ärger, den mir einige – meist sind es ja doch nur einige wenige – dieser Pubertärenden regelmäßig bescheren. Sie meinen es sicher nicht böse und auch nicht persönlich, das ist mir durchaus klar. Aber das pubertäre Gehabe, das einige an den Tag legen, ist mir einfach sowas von zuwider, dass ich regelmäßig ausflippen könnte. Stattdessen versuche ich aber den Ärger wegzulächeln und atme tief durch. Was bleibt einem denn anderes übrig?

Nur ist das manchmal gar nicht so einfach. Es fängt schon damit an, dass die Familien der Werkrealschüler in vielen Fällen ganz andere “Kaliber” sind als die meiner Grundschüler. Vielleicht habe ich mit meiner 4. Klasse auch großes Glück gehabt. Jedenfalls bekomme ich immer wieder mit, dass viele Jugendliche fast ohne Zuwendung aufwachsen. Sei es, dass der eine mit 14 über Nacht wegbleiben darf, solange er möchte, Hauptsache, er kommt wieder nach Hause. Oder sei es, dass andere den ganzen Tag über draußen im Park rumlungern und dort trinken, kiffen und wer weiß was tun. Und niemand interessiert sich dafür? Und wenn sie nicht draußen rumlungern, sitzt doch die Mehrheit der Jungs vor ihren PCs und zockt – stundenlang, nächtelang und in den Ferien auch tagelang, so erzählen sie.

Schule hat im Universum mancher Jugendlicher so gut wie keinen Platz – sowas lästiges, unnötiges! Etwas dazulernen? Wozu denn? Ich kann mit vielem gut umgehen – wenn jemand permanent stört oder nervt oder schlecht gelaunt ist oder was auch immer, nehme ich es nie persönlich oder trage es mit mir herum; aber eine solche zur Schau gestellte Unlust wie oben beschrieben und ein absolutes Desinteresse an allem können mich regelmäßig zur Weißglut treiben.

Und was mich dann wirklich ratlos macht, ist die Tatsache, wie wenig ich ausrichten kann. Klar, als Fachlehrer noch viel weniger als als Klassenlehrer. Aber auch letztere haben wenig Handhabe. Wir können zwei Wege gehen und versuchen auch beide: einmal den mitfühlenden, bei dem wir versuchen, einen Draht zu besagtem Schüler zu bekommen, Interesse für ihn zeigen, Gespräche mit ihm führen, Lösungsansätze vorschlagen, Gespräche mit den Eltern führen, versuchen sein Interesse zu wecken und ihm Hilfe anzubieten. Zum Anderen den Weg der alltäglichen Konsequenzen, die wir auf Grund des Schulgesetzes ziehen können und auch müssen, um Unterricht für alle anderen weiter zu gewährleisten.

Und immer wieder gelangen wir an den Punkt, an dem beide Versuche und alle Mühen, die wir uns über lange Zeit machen, rein gar keine Verbesserung bringen. Vielleicht eine ganz kurzzeitige, aber dann geht alles wieder von vorne los. Dazu kommt, dass die Eltern in den Gesprächen oft selbst hilfslos dasitzen und sich von uns Lehrern Hilfe und “die Lösung” versprechen. Wir können ihnen eingeschränkt Tipps geben, wir können sie an Erziehungsberatungsstellen und andere Hilfestellen verweisen, wir können Kontakte herstellen… aber oft werden solche Angebote gar nicht erst wahrgenommen. Das Jugendamt ist in solchen Fällen auch nicht der richtige Ansprechpartner – solange keine Kindeswohlgefährdung nachgewiesen ist, haben die nichts in der Hand. Familienhilfe müssen die Eltern freiwillig in Anspruch nehmen… und somit dreht sich das Rad weiter, viele Beteiligte resignieren und uns Lehrern bleibt oftmals nur das Eine: einen langen Atem zu behalten und das Ganze auch irgendwie von sich fern zu halten.

Aber es gibt Tage, da strengt mich dieser längere Atem unglaublich an und ich frage mich, wie das sein kann, dass wir in solchen Situationen sind. Sicher, die Kinder und Jugendlichen können wahrscheinlich überhaupt nichts dafür – bei ihnen läuft in den allermeisten Fällen schon sehr lange sehr viel falsch und ihr Verhalten ist die Konsequenz davon. Und wenn ich mich dann wieder besinne, tun sie mir schrecklich leid, und ich suche wieder nach Wegen, ihnen zu helfen… und das Rad fängt sich erneut an zu drehen.

 

 

Pubertäres Gehabe

2 Gedanken zu „Pubertäres Gehabe

  • 18. April 2017 um 10:57
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    Aus dem Grund wäre für mich eine weiterführende Schule nichts… Ich komme damit nicht zurecht. Aber hey, nichts gegen das stundenlange Zocken am PC :P

    Antworten
  • 18. April 2017 um 11:10
    Permalink

    Solange man versucht (damit meine ich nicht dich persönlich, sondern das Schulsystem/unsere Gesellschaft), Menschen zum Lernen zu zwingen, wird dieses Problem weiter bestehen und nicht gelöst werden können, nicht mit Zuspruch und schon garnicht mit Strafen.

    Ich habe in mehreren Freien Schulen über viele Wochen hospitiert und konnte erleben, mit welcher Begeisterung Kinder lernen, wenn man sie lässt und nicht unnötig lenkt. Wenn Menschen auf die Welt kommen, sind sie in ihren Fähigkeiten noch so eingeschränkt, dass Lernen ein Grundbedürfnis des Menschen ist. Aber alles, das einem aufgedrückt wird, verliert den Begeisterungswert. Darin ist Schule unschlagbar. Schade…

    Also sei nicht allzu gefrustet. Liegt sicher nicht an dir. Du scheinst schon ein entspanntes Verhältnis zu den gefrusteten jungen Menschen zu haben. Das tut ihnen sicher gut, sodass sie auch etwas von ihrer Lehrerin haben, ohne dabei “Stoff” zu lernen.

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