Wer eine Klasse neu übernimmt, aber auch wer als Fachlehrer in eine neue Klasse geht, muss neben dem Jahresplan und den Unterrichtsinhalten eine wichtige Frage bedenken: welche Rituale sind mir wichtig?

Rituale gibt es zu Hauf. Manche sind weit verbreitet, manche stark umstritten (Stichwort Stillefuchs), manche von der Gesamtlehrerkonferenz klassenübergreifend festgelegt, manche fachlehrerabhängig.

Für mich persönlich sind Rituale aus meinem Unterrichtsalltag nicht weg zu denken. Dabei sind mir folgende Punkte besonders wichtig:

  • die Rituale müssen zum Kontext passen;
  • sie müssen zu der Klassenstufe und den Individuen passen;
  • und sie müssen vor allem zu mir als Lehrperson passen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer sinnvoll ist, nach links und rechts zu schauen, wer welche Rituale einsetzt und diese einfach zu übernehmen. Ebenso wenig verstehe ich Kollegen, die bei einem Klassenlehrerwechsel die Rituale des Vorgängers komplett übernehmen, “weil die Klasse mit denen vertraut ist” .

Vielmehr sollte man sich zwar Tipps und Anregungen von Kollegen und aus der Literatur holen und diese untereinander abwägen und gegebenenfalls auch ausprobieren. Aber man sollte dann auch wirklich den Mut haben, zu sagen “Okay, dieses Ritual passt nicht zu mir oder zu der Lerngruppe, ich brauche etwas anderes und lege es ad acta.

Natürlich sollte man nicht alle zwei Wochen seine Rituale ändern, sonst sind die Schüler irgendwann total verwirrt. Aber ich finde, es ist wichtig, Rituale und ihre Wirkung zu überprüfen und sich zu fragen: “Funktioniert das Ritual (noch)? Vereinfacht es den Alltag? Oder ist es vielleicht sogar überflüssig geworden?

Besonders letztere Frage finde ich wichtig, wenn man eine Klasse einige Jahre lang führt, aber auch, wenn man beispielsweise eine 3. oder 4. Klasse übernimmt. Was ich schon gehört habe: “Die vorherige Klassenlehrerin hat so tolle Rituale gehabt und die Kinder haben die so intus, warum sollte ich die nicht übernehmen?” . Dabei war die Lerngruppe mittlerweile in der 4. Klasse und brauchte viele dieser Rituale gar nicht mehr.

Für mich sind viele Rituale vor allem in den ersten beiden Schuljahren entscheidend und unverzichtbar, wie zum Beispiel eine ritualisierte Frühstückspause, ein Signal zum Aufräumen und Signale für die unterschiedlichen Sozialformen. Denn Rituale haben viele Vorteile:

  • sie geben Struktur und Orientierung;
  • sie schaffen ein Gemeinschaftsgefühl;
  • sie zeigen Verbindlichkeiten auf;
  • sie gestalten einen Rahmen, innerhalb dessen sich die Schüler sicher bewegen können
  • und sie strukturieren den Unterrichtsalltag auf eine den Kindern bekannte Weise.

Und Schüler können durchaus von Lehrer zu Lehrer unterscheiden. Sie wissen nach einer kurzen Zeit ganz genau, dass Lehrer A diese Rituale einsetzt, und Lehrer B jene. Es ist somit nicht nötig, dass alle in einer Klasse unterrichtenden Lehrer die gleichen Rituale verwenden. Was aber durchaus den Alltag vereinfachen kann, ist, wenn zum Beispiel alle Lehrer in Bezug auf Lautstärke und Arbeitsverhalten die gleichen Erwartungen an die Schüler haben und die gleichen Regeln durchsetzen.

Dennnoch finde ich es unheimlich wichtig, regelmäßig sich selbst und die eingesetzten Rituale zu überprüfen. Nur weil ich das Ritual X schon seit zwei Jahren erfolgreich einsetze, heißt das nicht, dass ich es im 3. Jahr immer noch brauche. Im Gegenteil: habe ich die Kinder zum Beispiel in den ersten beiden Klassen mit einem Farbritual in den Sitzkreis geholt, damit dieser Sozialformenwechsel leise und strukturiert von statten geht, so kann ich in der 3. Klasse durchaus erwarten, dass die Kinder in der Lage sind, ohne Strukturierungshilfe in Form eines Rituals leise und geordnet in den Sitzkreis zu kommen.

Denn das muss doch das Ziel sein: Rituale so lange einzusetzen, bis sie überflüssig sind und der Unterrichtsalltag auch ohne sie strukturiert und geordnet verlaufen kann. Denn in dieser – ich nenne sie mal überspitzt – Gefühlsduselei der Grundschule, wie sie in manchen Klassenzimmern auf der Tagesordnung steht, darf doch nicht vergessen werden, dass wir die Kinder in den Klassen 3 und 4 auf den Übergang in die weiterführenden Schulen vorbereiten müssen, wo man sie nicht mehr so betüteln wird. Wir wollen motivierte, engagierte, kritische und vor allem selbständige Schüler erziehen, und keine, die ohne ihren Stillefuchs verloren sind.

Rituale in der Grundschule – eine Manöverkritik

3 Gedanken zu „Rituale in der Grundschule – eine Manöverkritik

  • 11. Juni 2016 um 10:59
    Permalink

    Wie so oft – ein guter Beitrag!
    Sehe ich ähnlich. Ich finde Rituale wichtig und notwendig, gerade in der Schuleingangsphase. Natürlich auch noch in Kl. 3 und 4, aber manches hat sich dann eben schon eingebürgert und so manches zeitaufwändige Ritual ist wirklich überflüssig.
    Das Holen in den Sitzkreis mit Farbritual sehe ich bei einigen Kollegen, aber das wäre für mich persönlich überhaupt nichts. Spätestens nach 2 Wochen hätte ich davon die Schnauze voll. ;-) Aber jeder ist anders und das ist ja auch ok.

    Inwiefern ist der Stillefuchs denn umstritten, das würde mich jetzt mal interessieren. Das ist ja quasi DAS gängige Stilleritual in vielen Grundschulen. Eben deshalb wahrscheinlich, oder? Wird sicherlich oft belächelt, kann ich auch nachvollziehen, aber wenn man es nicht übertrieben einsetzt, finde ich es ok. Man muss ja auch nicht zwingend mit der einen Hand dieses “Mund zu – Ohren auf” zeigen. Dann erübrigt sich die Bezeichnung “Stillefuchs” ;-)

    LG
    Manu

    Antworten
    • 11. Juni 2016 um 16:54
      Permalink

      Wir benutzen den Stillefuchs nicht mehr, da dieser das Erkennu gszeichen einer rechtsgerichteten türkischen Partei ist.

      LG Bea

      Antworten
  • 11. Juni 2016 um 11:16
    Permalink

    Da kann ich dir voll und ganz zustimmen. Ich habe gerade in diesem Schuljahr bemerkt, dass man sich und seine Rituale öfter hinterfragen sollte. Ich habe zu Beginn ganz viel eingeführt, was ich im Netz, der Literatur oder bei Kollegen gesehen habe und toll fand. Im Laufe des Schuljahres ist davon ganz viel wieder verloren gegangen, weil es eben – wie du schreibst – nicht zu mir passt. Es ist mir persönlich nicht bedeutsam genug und geriet dadurch in Vergessenheit )manchmal erinnerte sich ein Kind daran und fragte zwischendurch danach). Wir wechseln jetzt von Klasse 2 in Klasse 3 und ich habe mir für die Ferien fest vorgenommen, mir alle meine Rituale und Regeln mal zu notieren und mir dann einige wesentliche und fürs neue Schuljahr wichtige rauszusuchen, die ich weiterführen werde, das gilt ebenso für meine Schulalltags-Organisation.

    Viele Grüße und vielen Dank für’s Gedanken teilen
    Kathrin

    Antworten

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