Zum nächsten Schuljahr will unsere Landesregierung in BW doch tatsächlich mehrere hundert Lehrerstellen kürzen. Diese Kürzung beruht noch auf Berechnungen von Schülerzahlen vor etlichen Jahren, als ein deutlicher Rückgang der Geburtenzahlen erwartet wurde. Allerdings ist gegenteiliges eingetreten: die Geburtenraten steigen wieder UND es kommen immer mehr Menschen (und damit auch Kinder!) in unser Land.

Und dennnoch wird die Stellenkürzung durchgezogen. Gleichzeitig sollen wir Lehrer an den öffentlichen Schulen, die wir nun schon mal da sind, die Ganztagesbetriebe auf die Beine stellen und am Laufen halten. Wir sollen Inklusionsklassen bilden und alle Schüler individuell und bedarfsgerecht optimal fördern (auch wenn wir dafür zum Teil überhaupt nicht ausgebildet sind!). Wir sollen Kinder jeder Herkunft aufnehmen und ihnen unsere Sprache beibringen – gleichzeitig sie so fördern, dass sie schnell die Klassenziele erreichen. Nebenher sollen wir weniger “Fälle” dem sonderpädagogischen Dienst melden, und vielmehr alle Schüler an den Regelgrundschulen behalten, egal welche Voraussetzungen sie mitbringen.

Dazu kommen immer mehr und mehr “Runde Tische” mit Eltern und Jugendamt, schriftliche Berichte über den aktuellen Leistungsstand, Vergleichsarbeiten noch und nöcher, und – von mir am meisten “geliebt” – das Verfassen von pädagogischen Konzepten, die niemals jemand liest, um ja die Schulqualität durch verbindliche Strukturen zu erhöhen. Ganz wie von den Behörden gewünscht.

Wieso erhöht man dazu nicht einfach noch unsere Pflichtstundenzahl? Sowieso die Höhe, dass wir Grundschullehrer nur eine Stunde mehr unterrichten müssen als Realschullehrer und nur 3 mehr als Gymnasiallehrer. Durch die Erhöhung der Deputate könnten sogar noch mehr Stellen eingespart werden. Warum nicht – wo wir doch mittags um 13 Uhr bereits daheim sind und der Hausarbeit nachgehen. Oder dem Tennis spielen.

Deutsche Bildungspolitik, was ist nur aus dir geworden?

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Liebe Leser, wo unterrichtet ihr? Wie sieht es bei euch mit der Versorgung aus? Diskutiert gerne mit!

Stellenkürzungen – aber klar doch

7 Gedanken zu „Stellenkürzungen – aber klar doch

  • 23. Oktober 2016 um 9:29
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    Alles wuchten (Unterricht und Papierkram) und dann vor den Eltern grade stehen, wenn es nicht so klappt wie es sollte. Bei uns ist die Inklusion ja vor Jahrzehnten schon gestartet, hinzugekommen sind jetzt nur noch die vielen Kinder mit Migrationshintergrund und die im Steigen begriffenen, sagen wir mal, Verhaltenskreativen. Leider nehmen die Ressourcen Jahr für Jahr ab und vieles ist nur mehr Augenauswischerei. Wir versuchen halt das Beste daraus zu machen, da ich die Arbeit mit Kindern durchaus noch bereichernd und schön finde. Gelungene Inklusion ohne zusätzliche Ressourcen (sprich Lehrer oder wenigstens Betreuerinnen) ist kaum möglich. Was die Stundenanzahl betrifft, machen auch hier die Grundschullehrer am meisten Stunden für den geringsten Gehalt.

    Einen lieben Gruß aus Italien.

    Spilla

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    • 23. Oktober 2016 um 10:37
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      Hallo Spilla, interessant, was du schreibst, weil uns in mehreren Fobis zur Inklusion immer wieder Italien als glänzendes Beispiel vorgeführt wurde. Wir dachten uns sowas schon, aber gesagt wurde es natürlich nicht. Das Traurige ist eben leider, dass der Buckel, auf dem das alles schief ausgetragen wird, uns Lehrern und den Kindern gehört …

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      • 23. Oktober 2016 um 20:31
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        Hallo Cubi!
        Es gibt sicher auch Schulen, an denen es noch so toll funktioniert wie vor Jahren, die werden natürlich vorgezeigt.
        Wir an unserer müssen um jede Stunde streiten, Krieg unter Armen, nennt man das im Italienischen. Kinder, welche früher einen Betreuer hatten, haben heute Anrecht auf einen zielgleichen, individuellen Lernplan (sprich Schreibereien und Sitzungen) und, wenn einige Stunden übrig sind, auf eine Integrationslehrperson (theoretisch kein Anrecht) oder ein wenig Teamunterricht, der dann aber oft ausfällt, weil ja fehlende Kollegen ersetzt werden müssen. Ziel ist es, die Klassenlehrer so auszubilden, dass sie das alles locker schmeißen können, ach ja und dann auch noch gut bei den Leistungstests abschneiden. Wird ja wohl kein Problem sein, oder?
        Einen lieben Gruß und eine schöne Woche.
        Spilla

        Antworten
  • 23. Oktober 2016 um 12:23
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    Ich unterrichte in Meck-Pomm auf der schönen Insel Rügen. Wir haben hier das Rügener Inklusionsmodell (PiSar) genannt. Wir beschulen alle gemeinsam, sind aber allein in der Klasse. Ohne I-Helfer oder PmsA. Eine Sonderpädagogin mit 15,5 h für alle Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Testungen finden aller 8 Wochen statt, für die besonderen Kinder jede Woche. Zieldifferent sollen wir auch noch unterrichten. Möglichst jeden individuell. Kleine Klassen….ein Traum!!!! Im Schnitt haben wir 28 Kinder in der Klasse.

    Liebe Grüße von der Insel
    Katrin

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  • 23. Oktober 2016 um 13:19
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    Ich glaube, das sieht überall so aus. Hier in NRW steht neben den alltäglichen Aufgaben die Inklusion ganz oben auf dem Themenplan. Wir inkludieren grad die ersten Kinder ohne jegliche Vorbereitung von heute auf morgen… Außerdem kommen die Kinder ja mangels Schulkindergarten immer früherverpflichtend in die Schule und dürfen bei uns erst Ende der zweiten Klasse wiederholen, in Ausnahmen Mitte der zwei. Flüchtlinge haben wir zwar bislang nicht, warten aber seit Monaten fast täglich auf ihr Eintreffen – auch hier scheint es keine Konzepte oder Pläne für Fortbildungen zu geben.
    Was mich aber am meisten fuchst ist das miese Standing von uns Lehrern in der “normalen Welt”. Kaum einer kann wirklich anchvollziehen wie anstrengend, nervenaufreibend, seelezerfressend dieser “Halbtagsjob” sein kann, wenn er nicht mal ein paar Tage voll in einer GS gearbeitet hat. Und dass viele Eltern die Erziehungsaufgaben erstens größtenteils Kita und uns überlassen und dann zweitens entweder gar nicht unterstützen oder alles kritisieren, erleichtert das Arbeiten auch nicht gerade.
    Eins meiner Lieblingsthemen sind übrigens Arbeitspläne – die größte Zeitverschwendung überhaupt. Wir haben doch einen Lehrplan, nach dem wir unterrichten. Trotzdem sollen wir spätestens zur QA (Qualitätsanalyse – wir sind demnächst zum zweiten Mal in 5 Jahren dran) immer wieder welche für alle Fächer verfassen. Da geht viel Arbeit rrein und keiner liest sie oder arbeitet wirklich danach… Hauptsache es steht was auf dem papier, wie eine der Vorrednerinnen schon schreibe.
    Bevor ich mich in Rage schreibe: Wir müssen uns wohl damit abfinden, dass Bildungspolitik schon lange nicht mehr vom Kinde aus gedacht wird. Vom Lehrkörper aus schon gar nicht. Wir sind doch nur noch “Ressourcen”.
    Trotzdem schön, wenn wir alle täglich weiter kämpfen und schaffen!
    Katha

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  • 23. Oktober 2016 um 14:13
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    Auch ich unterrichte eine inklusive Klasse in Nds. und habe darin mehrere Statuskinder (u. A. mit GE, für die ich dann nochmal differenzieren darf, denn dadurch, dass sie nicht lesen können, helfen mir die von Verlagen angebotenen inklusionstauglichen Materialien auch nicht wirklich.) Gleichzeitig sorge ich dafür, dass die Leistungsstarken adäquates Futter bekommen. Flüchtlinge kommen noch hinzu….
    Das alles zu bedienen ist im Grunde meine Aufgabe, denn die Förderschulkollegin, deren Stunden in meiner Klasse wegen Mangelversorgung an widerum ihrer Stammschule gekürzt wurden, ist häufig krank und wird nicht vertreten.
    Ich versuche, so gut wie möglich alles zu bedienen, schaffe das, was in meinem Möglichen steht – alles andere schaffe ich eben dann nicht. Das macht ziemlich unzufrieden….
    Was ich am meisten bedaure ist aber, dass keiner unsere Rechte öffentlich wirksam vertritt. Wo wehren wir uns? Wo ist die Gewerkschaft da aktiv? Wo sind Eltern im Sinne der Kinder und uns Kollegen aktiv und fordern an zuständigen Stellen Besserungen ein?
    Da fühle ich mich doch sehr alleingelassen – aber Kraft, etwas zu initiieren habe ich leider auch nicht….
    Viele Grüße von der Staatsmarionette aus Nds.

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  • 23. Oktober 2016 um 17:53
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    Ich bin auch in BaWü tätig und wir sind eine vierzügige Grundschule mit 2 Schulstandorten und in unserer Gemeinde Inklusionsstandort und wenn es nach dem Gemeinderat geht, dann auch bald Ganztagesschule… Das mit der Ganztagsschule wird spannend, da unsere Rektorin zum Ende des Schuljahres gegangen wurde. Sie selbst wird es also sicher nicht mehr anfangen, hat sie versprochen. Eigentlich wird sie erst im folgenden Schuljahr im Herbst 17 65 Jahre alt, aber das RP hat ohne ihr Wissen ihr Stelle zum nächsten Jahr ausgeschrieben. Konrektorin haben wir aktuell auch keine, also allein das zeugt von ganz toller Organisation von oben her…
    Inklusion bedeutet bei uns, dass wir aktuell eine 1. Klasse, eine 2. Klasse und eine 4. Klasse haben, in der Inklusionsgruppen drin sind, und das sind sowohl Kinder mit körperlicher Beeinträchtigung (2x Rollstuhl) und auch Kinder mit Förderschwerpunkt Lernen und Kinder mit geistiger Beeinträchtigung/Verhaltensauffäligkeiten wie z.B. Autismus.Spektrumsstörung. Jedes dieser Kinder hat Anrecht auf 3 Stunden sonderpädagogische Unterstützung. Die restliche Zeit arbeiten die Kinder mit Schulbegleitung (körperbehinderte Kinder) oder am Wochenplan (Förderschwerpunkt Lernen). Das bedeutet für die Klassenlehrer eine enge Absprache mit der Kollegin vom SBBZ (Sonderpäd. Bildungs- und Beratungszentrum) und somit einen erheblichen Mehraufwand an Absprachen auch mit Fachkollegen und Eltern. Dazu kommt, dass wir als Kollegium jede einzelne Stunde, die jemand krank ist oder auf Fortbildung, selbst auffangen müssen. Schwierig, da wir viele Kollegen mit 28 Stunden, also vollem Lehrauftrag haben, die schlichtweg nicht vertreten können. Im letzten Jahr sind 2 Koleginnen dauerhaft ausgefallen, da sie Berufsverbot in der Schwangerschaft bekommen hatten. Dafür gibt es ein 70-Stunden-Kontigent, dass uns erlaubt, ehemalige Kollegen aus dem Ruhestand zu holen und diese für insgesamt 70 Stunden im Kalenderjahr einzusetzen. 70 Stunden bei nem vollen Lehrauftrag reicht noch nicht mal für 3 Wochen und die 2. fehlende Kollegin ist noch gar nicht abgedeckt. Also schieben alle Kollegen mit Teillehrauftrag Überstunden für “nen Appel und n Ei”, Klassen werden oft tagelang mit Aufgaben auf andere Klassen aufgeteilt, man beaufsichtigt oft die Klasse gegegnüber für nahezu einen ganzen Tag lang mit und kommt selber mit dem Stoff nicht vorwärts, die Gesamtelternbeirätin kommt stundenweise um Klassen zu beaufsichtigen, Eltern die z.B. aus englischsprachigem Raum kommen übernehmen Englischunterricht, Begleitung zum Schwimmen macht ein Opa einer Schülerin, eine Mutter verkürzt ihre Elternzeit um auszuhelfen, eine andere Mutter mit 2. Staatsexamen übernimmt einen Deutsch-Lehrauftrag, obwohl sie nach dem Referendariat jahrelang dem Beruf nicht mehr nachgegangen ist, das 70 Stundenkontigent wird vom Schulamt freundlicherweise um 20 Stunden aufgestockt, Kollegen mit Teillehrauftrag stocken Stunden auf, LRS- und DAZ- Stunden werden gestrichen, damit die Kollegen Lehraufträge in Sachunterricht und Kunst übernehmen können…
    Völliges Chaos, keinerlei Kontinuität für die betroffenen Klassen und eine extreme Mehrbeslastung für die Kollegen, vorallem für die, die einen Teillehrauftrag haben… Und dann heißt es immer nur von wegen wir haben das doch gut aufgefangen… Ganz toll! Da wundert es niemanden mehr, dass die KV-Listen bereits Anfang des Schuljahres gähnend leer waren. Unser 70-Stunden-Kontigent haben wir auch erst ab Januar wieder, also alles was jetzt an Ausfällen kommt, machen wir wieder selbst… und das dann bitte so, dass die Qualität von Unterricht nicht darunter leidet…
    Ich wünsche mir, dass die Menschen, die da oben sich ihren Hintern plattsitzen einfach mal für 1 Monat in die Schulen kommen und selbst hier arbeiten, dann verstehen sie vielleicht mal, was in der Bildungspolitik wirklich dran wäre…
    Aber wenn Fr. Eisenmann (Kultusministerin BaWü) sagt, dass sie Inklusion und Ganztagesschulen wegen fehlenden Lehrerstellen/fehlender Finanzierbarkeit auf Eis legen will, dann ist das Geschrei groß, dass das ja wohl gar nicht geht… In meinen Augen wäre das die logische Konsequenz, aber auch dafür hat man jetzt ja wieder einen Kompromiss gefunden und ein paar zusätzliche Stellen genehmigt… Zumindest stand das heute so in der Zeitung, also warten wir mal ab, was wirklich kommt…
    Und die SPD hat ihr Thema für die anstehende Bundestagswahl auch schon gefunden: Bildungspolitik, da kann man sooooo schöne Versprechen machen, die man ja dann zum Glück nicht alle umsetzen muss, denn die Lehrer sind das ja seit Jahren so gewohnt!

    Sorry, lange Rede, aber das musste mal raus :-)

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