Warum darf er nicht hier bleiben??

Die Flüchtlingsdebatte und die aktuellen Geschehnisse beschäftigen mich in letzter Zeit sehr. Trotz Urlaub, in dem ich weit weg von allem war und mich gut entspannen konnte, hat mich das Thema einfach nicht losgelassen. Immer wieder habe ich die neusten Nachrichten verfolgt, in sozialen Netzwerken gesurft, Diskussionen gelesen, selbst Kommentare abgegeben. Und vor allem aber habe ich mich geärgert. Über Menschen, die (ver)urteilen, ohne zu kennen. Die laut werden, ohne ihre Meinung vernünftig begründen zu können. Die richten, ohne sich an ihre eigene Nase zu fassen. Die im Netz aktiv werden, aber im wahren Leben kein Engagement zeigen. Die aufhetzen, ohne die Folgen zu bedenken. Die glauben, sie hätten mehr Recht darauf, in Deutschland zu leben, als andere. Und: über Politiker, die in den Herkunftsländern der Flüchtlinge nicht aktiv werden. Solche, die meinen, Flüchtlingskinder sollten nicht mehr an deutschen Schulen unterrichtet werden. Das darf doch nicht wahr sein!

Und zwischen all diesen Gedanken kam mir immer wieder ein Schüler aus meiner Klasse in den Sinn. Irgendwann im letzten Schuljahr stand er plötzlich vor der Tür. Sprach kein Wort Deutsch. Grinste mich verlegen an, nannte seinen Namen und streckte die Hand nach mir aus. Seine Familie, so erfuhr ich später von unserer Sekretärin, war aus ihrem Heimatland geflüchtet. Sie waren bis auf weiteres “geduldet” (allein das Wort verursachte einen bitteren Geschmack in meinem Mund). Solange sollte der Junge bei uns beschult werden.

Für mich und die anderen Kinder war ein neuer Schüler keine große Sache. Die Klasse hieß ihn herzlich willkommen und nahm ihn freundlich auf. Auch dass er unsere Sprache nicht verstand, war ihnen vertraut, da wir seit 2 Jahren bereits mehrere polnische Kinder in der Klasse haben. Sie plapperten trotzdem munter drauf los und verständigten sich mit Händen und Füßen. Ich musste oft schmunzeln, wenn die anderen Kinder mal wieder etwas von mir “übersetzten”, also in einfachere deutsche Worte zu kleiden versuchten, was ich wohl wieder zu kompliziert formuliert hatte.

Und so verging die Zeit. Milan (Name geändert) besuchte regelmäßig die Vorbereitungsklasse an unserer Schule und lernte dort die ersten Brocken Deutsch. In den übrigen Stunden nahm er am Unterricht meiner Klasse teil. Sein Deutsch verbesserte sich, er verstand zusehends mehr und hatte unglaublich viel Freude am Deutschunterricht. Jeden Tag kam er freudestrahlend in die Schule.

Obwohl es die ersten Monate in der Klasse kein Thema war, schwebte in meinem Bewusstsein jedoch immer diese trübe Wolke über mir mit der Unsicherheit, ob Milan und seine Familie in Deutschland bleiben dürfen oder nicht. Eines Tages kamen seine Eltern zu einem Gespräch und vertrauten mir an, dass sie “abgeschoben” werden würden. Schon wieder so ein bitteres Wort. Ich war niedergeschlagen, hilflos, rastlos. Milan hatte sich bei uns gut eingelebt, hatte viel gerlernt und kam jeden Tag gerne zur Schule, obwohl er plötzlich in einem ihm total fremden Land mit einer fremden Sprache und einer fremden Kultur lebte. Und dann wurde die Familie einfach abgeschoben? “Noch 2 Wochen” , teilte mir die Familie mit. Sie hatten die Papiere schon unterschrieben.

Es war also an der Zeit, mir etwas für Milans Abschied zu überlegen. Etwas, das ihn die Zeit bei uns in guter Erinnerung behalten lassen würde. Als der Zeitpunkt gekommen war, fragte ich ihn, wann denn genau sein letzter Tag bei uns sein würde. Er zuckte nur mit den Schultern. Dieses Frage-Antwort-Spiel zwischen uns beiden wiederholte sich von Woche zu Woche. Aus den 2 Wochen wurden weitere Wochen, in denen dieses Damoklesschwert der erzwungenen Ausreise über Milan und seiner Familie schwebte. Für mich persönlich war es das erste Mal, dass ich so etwas so nah miterlebt habe. Es stimmte mich unsagbar traurig. Und gleichzeitig konnte ich Milans Mut und sein Durchhaltevermögen Tag für Tag bewundern.

Schließlich freuten wir uns, dass Milan wider Erwarten so lange bei uns bleiben konnte, dass er noch unseren Schuljahresabschluss mit der Schulhausübernachtung miterleben konnte. Zwar hatte er selbst keine Luftmatratze etc., um im Klassenzimmer zu übernachten, aber die Eltern der anderen Kinder halfen gerne und spendeten Isomatte, Schlafsack, Grillzeug und vieles mehr. Die Schulhausübernachtung war dann auch der geplante Abschied von allen Schülerinnen und Schülern, die uns zum Ende des Schuljahres verlassen würden.

In der Woche davor war es also an der Zeit, das Thema Flüchtlingsfamilien und Asylrecht mit den Kindern zu besprechen. Zwar hatten wir das Thema schon angeschnitten, als Milan zu uns gekommen war, aber als der Abschied bevor stand, gab es nochmal großen Gesprächsbedarf. Auch wenn die Zweitklässler noch so klein sind, wollte ich ihnen nicht irgendetwas vormachen oder das Thema totschweigen. Im Gegenteil. Ich finde es wichtig, den kleinen Zwergen etwas zuzutrauen und sie kindgerecht über aktuelle Themen zu informieren. Dann können sie fragen, fragen und fragen und ggf. auch zu Hause nochmal nachfragen.

Das Gespräch, das wir dann in der Klassengemeinschaft führten, hat mich tief bewegt und mich nachhaltig beeinflusst. Wir näherten uns dem Begriff der Flucht aus dem Heimatland an. Von Zuhause weggehen? Familie und Freunde zurücklassen? Mein Zimmer, meine Spielsachen aufgeben? Meine Klasse verlassen? In ein Land, dessen Sprache ich nicht verstehe? Dessen Kultur mir nicht vertraut ist? In dem ich keinen kenne? Das konnten sich die Schülerinnen und Schüler einfach nicht vorstellen. Und doch konnte ich ihnen verständlich machen, dass es manchmal äußerst schlimme Gründe dafür gibt, seine Heimat zu verlassen. Und irgendwie wussten sie ja auch, dass sich Milan bei uns wohl fühlte. Also musste das dann ja doch ganz in Ordnung für ihn sein.

Warum darf er dann nicht hierbleiben???” , fragte ein Kind verständnislos. Mir blieb erstmal die Antwort im Halse stecken. “Ja, er kann doch hier in unserer Klasse bleiben!” , schaltete sich ein anderer Mitschüler ein. “Wir wollen nicht, dass er geht!” , rief ein Mädchen und schaute mich flehend an. Plötzlich riefen alle durcheinander. Milan ganz still mittendrin.

Ich sorgte für Ruhe und ließ jeden einen Moment lang seinen Gedanken nachhängen. Ein Junge, der seine Worte immer mit Bedacht wählt, meldete sich: “Wir haben doch hier alles, was wir brauchen. Wir können Milan und seiner Familie doch was abgeben. Wenn jeder was abgibt, können sie noch länger hier bleiben. Es ist doch Platz genug da!” Alle schauten mich zustimmend und erwartungsvoll an.

Kinderstimmen – so rein und so ehrlich.

Natürlich lobte ich die Kinder für ihre Ideen und ihre lieben und offenen Worte. Trotzdem wollte ich sie nicht auf die Gedanken kommen lassen, dass sie Milan und seine Familie nur dadurch zum Bleiben bewegen könnten, wenn sie von ihrem Hab und Gut was abgeben. Und so versuchte ich, ihnen zu erklären, dass das Heimatland von Milans Familie für sicher erklärt worden war, sodass die Familie wieder zurückkehren “konnte” . Schlussendlich einigten wir uns darauf, dass es für Milans Familie doch am schönsten sein müsste, in ihre Heimat und zu ihrer Familie zurückzukehren und dort eine sichere Bleibe vorzufinden. Ob das tatsächlich so gekommen ist… ich habe da meine Zweifel, aber ich werde es wahrscheinlich nie erfahren, leider.

Und so blieb uns nur noch, Milan unser mit viel Liebe gestaltetes Abschiedsgeschenk zu geben und uns mit guten Wünschen von ihm zu verabschieden.
Ich wünsche dir, dass du deine alten Freunde wiedertriffst.” , “Dass du in eine nette neue Klasse kommst.” , “Dass du eine nette Lehrerin bekommst.” und: “Ich hoffe, du kannst uns irgendwann nochmal besuchen kommen.

Wir drücken der Familie und allen anderen, die ein ähnliches Schicksal trifft, die Daumen und wünschen ihnen alles erdenklich Gute für die Zukunft, aber vor allem Sicherheit, Stabilität, Geborgenheit. Und wir werden jedes Kind, das in unsere Klasse kommt, willkommen heißen – egal, woher es kommt.

photo credit: Don’t Let Go. via photopin (license)

Erfahrungen mit einem Flüchtlingskind in unserer Klasse
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