Schon gleich zu Beginn des SJ hieß es, es kämen mehrere Blockpraktikanten und wer die wohl nehmen würde? Bei dieser Frage schauten alle erstmal gleichgültig und vor allem möglichst unauffällig in der Gegend herum.

Aber es nutzte ja nichts. Und so erklärte ich mich bereit, einen zu betreuen. Könnte ja auch ganz interessant werden. Wer würde da wohl kommen? Das war die große Frage. Erstsemester oder schon weiter? Grundschule oder Sekundarstufe? Weiblich oder männlich? Das wusste niemand so genau – oder es wurde uns einfach nicht gesagt.

Als der große Tag “endlich” da war, war ich positiv überrascht: ein junger Mann, selbstbewusst, freundlich, und kurz vor dem Abschluss.

Also nahm ich ihn in meinen Schlepptau. Manche mögen es ja überhaupt nicht, wenn jemand im Unterricht mit dabei ist, aber mir macht das eigentlich überhaupt gar nichts aus. Ich mache ganz genau das gleiche Programm wie sonst auch. Na gut, wenn ein Praktikant dabei ist, versuche ich noch ein paar mehr kleine Tricks und Kniffe zu zeigen, damit er auch etwas mitnehmen kann.

Trotzdem hinterfragte ich mich plötzlich mehr als sonst – war die gewählte Methode nun passend? Hätte ich es nicht doch anders machen sollen? Weiß ich überhaupt genug, um dem Praktikanten genug Sehenswertes zu zeigen? Was denkt der sich wohl, während ich unterrichte? Blamiere ich mich etwa gerade?

Die Antworten auf diese vielen Fragen kam an einem Tag, an dem der junge Mann mit mir gemeinsam eine Stunde unterrichtete, und schlug in mein Bewusstsein ein wie eine Bombe: ICH KANN JA TOTAL VIEL UND ICH HABE IN DEN LETZTEN JAHREN UNGLAUBLICH VIEL GELERNT.

Das mag sich für manche jetzt übertrieben anhören, andere werden aber sicherlich genau verstehen, was ich meine.

Ich beobachtete den Praktikanten beim Unterrichten und es passierte der Klassiker: er gab einen Arbeitsauftrag… die Kinder reagierten nicht… er fragte “Habt ihr verstanden, was ihr machen sollt?“, einige bejahten zögerlich, regten sich sonst aber immer noch nicht. Er schaute mich stirnrunzelnd an.

Da wir im Team unterrichteten und nicht er alleine die Stunde hielt, formulierte ich den Arbeitsauftrag um, gab ein paar Beispiele und anschließend eine konkrete Anweisung. Und siehe da, die Kinder taten, wie ihnen geheißen. Dabei kenne ich diese Klasse selbst erst seit wenigen Stunden.

Und das war für mich der absolute AHA-Effekt. Denn ich erinnere mich nur zu gut, wie das Lernfeld “Arbeitsaufträge formulieren” immer und immer wieder im Referendariat an der Tagesordnung stand. Und heute, nach einigen Jahren Berufserfahrung, gibt es einfach Dinge, die ich – und sicherlich alle hier mitlesenden, schon erfahreneren Lehrer – aus dem Effeff beherrsche. Dazu gehören neben dem Formulieren von Arbeitsaufträgen:

  • den Rundumblick bzw. Überblick über alle Kinder zu behalten;
  • zu merken, wenn jemand unaufmerksam ist oder auch Schwierigkeiten hat;
  • durch bloße Präsenz oder bestimmte Körpersprache Ruhe einkehren zu lassen;
  • flexibel zu reagieren;
  • überhaupt zu merken, dass das Geplante nicht funktioniert und dann auch den größten Plan über den Haufen werfen zu können;
  • Spiele und Lockerungsübungen immer parat zu haben;
  • auch ohne Vorbereitung eine sinnvolle Stunde aus dem Ärmel schütteln zu können.

Und wahrscheinlich einiges mehr. Aber diese oben genannten Fertigkeiten erleichtern den Schulalltag so so sehr und gewährleisten einen oft reibungslosen Ablauf. Dass ich diese wichtigen Kompetenzen gelernt habe und schon ganz unbewusst richtig einsetze, beruhigt mich unglaublich und gibt mir das sichere Gefühl, in meinem Beruf richtig zu sein.

Meinem Praktikanten konnte ich also an diesem Tag doch noch etwas Sinnvolles zeigen ;-) wir besprachen das im Anschluss noch einmal und ich versicherte ihm, dass auch er früher oder später das alles ganz automatisch und richtig machen wird.

 

 

Was der Praktikant mich lehrt…

Ein Gedanke zu „Was der Praktikant mich lehrt…

  • 25. September 2016 um 7:51
    Permalink

    Ich habe vor einem Jahr als Gymnasiallehrer ohne Grundschulfach in der GS angefangen. Schon jetzt, nach einem Jahr, staune ich über meine Professionalität und wieviel ich gelernt habe. Währen es vor einem Jahr noch hieß, zu überleben und ich jeden Mittag erstmal 2 Stunden schlafen musste, lege ich in der Zwischenzeit- ich muss es mal so sagen – die eine oder andere Zauberstunde hin (es gibt natürlich auch immernoch viel Grütze, aber die ist dann häufig nicht so schlimm wie letztes Jahr). Also ja: ich weiß genau(!) was du meinst!

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