Wir Lehrer sind uns leider schmerzlich bewusst, dass wir heutzutage sehr gerne und sehr deutlich von Eltern kritisiert werden. Seien es der Führungsstil, das Ziehen von Konsequenzen, die Gestaltung des Unterrichts, die Hausaufgaben (oh jaaaa), die Lernkontrollen oder die Benotung derselben.

Auch ich musste mich schon häufig für Dinge rechtfertigen. Dabei waren die Eltern doch 1. im Unterricht nicht dabei und 2. sollte ihnen bewusst sein, dass ihre Kinder auch nicht immer die ganze Wahrheit sagen. Zu meinem Glück konnte bisher alles in persönlichen Gesprächen geklärt werden und war dann im Nachhinein doch halb so schlimm.

Dass nun aber sogar schon soziale Netzwerke dazu genutzt werden, um Unterrichtsinhalte zu veröffentlichen und damit Lehrer zu diffamieren, ist einfach die Spitze des Eisberges! So las ich gestern einen Beitrag einer Dame, die ein Foto eines Arbeitsblattes, das Teil einer Hausaufgabe in einer 4. Klasse war, veröffentlicht hatte. Dieses Foto hatte sie von einer Bekannten, deren Erklärung dazu total unterging. Nach kürzester Zeit ging dieser Beitrag “viral” (allein dieser Ausdruck…), wurde tausendmal (empört) kommentiert und schließlich sogar von mehreren Zeitungen geteilt (so war ich darauf aufmerksam geworden).

Eine Tageszeitung titelte lediglich “Und sowas im Jahr 2018!”. Als Leser sah man den Titel und das Arbeitsblatt (die weitere Erklärung dazu ging total verloren) – und wieder gingen die Kommentare los. Besagte Hausaufgabe war ein Baustein des weiteren Themas Geschlechtserziehung und behandelte Rollenidentitäten/typisch Junge, typisch Mädchen. Der Tenor aller Kommentatoren war ausschließlich, dass es absolut nicht mehr zeitgemäß wäre, Merkmale von Kindern geschlechtsspezifisch zu thematisieren. Und ihr könnt euch vorstellen, dass kaum ein Kommentar sachlich blieb. Da wurde beleidigt und verurteilt, das war nicht mehr feierlich. In welchem Kontext das Arbeitsblatt behandelt wurde und wie im Unterricht damit umgegangen wurde, wusste niemand! Aber hauptsache empört!

Das einzig Gute daran war, dass der Name der betreffenden Lehrkraft nicht genannt wurde. Und dennnoch machte mich diese Geschichte nachdenklich und vor allem unheimlich sauer. Müssen wir jetzt schon damit rechnen, dass unsere Arbeit öffentlich zur Schau gestellt wird? Kritik ist ja schön und gut und darf auch geäußert werden – natürlich! Ich gebe auch zu, dass ich mit diesem Arbeitsblatt (seiner Aufgabenstellung und der Bewertung) nicht unbedingt einverstanden war – aber 1. wieso soll es mein Recht sein, als völlig unbeteiligte, darüber zu urteilen?? und 2. reicht dann nicht ein persönliches Gespräch der Person, die es betrifft, mit der Lehrperson unter vier Augen? Muss es die öffentliche Diffamierung im sozialen Netzwerk sein? Zumal so etwas oft eine Welle lostritt, die man zuvor gar nicht voraussehen kann. Dann wird der Beitrag geteilt, die Presse wird darauf aufmerksam und schon entsteht ein Diskurs über (in dem Fall) geschlechtsspezifische Erziehung in der Schule (Helft mir, wie kann man das noch nennen? Ich komme gerade nicht auf den richtigen Begriff).

Diese Entwicklung stimmt mich nicht nur sauer, sondern auch traurig – ab und zu könnte man das Gefühl bekommen, uns Lehrern wird nicht mehr zugetraut, unseren Job gut zu machen und das beste für die Kinder zu geben. Uns wird unterstellt, bei der Notengebung ein persönliches Interesse zu verfolgen (aber welches?? frage ich mich), Schüler zu bevorzugen oder zu benachteiligen und und und. Vor der Festlegung der Zeugnisnoten muss man schon bedenken, ob die Eltern damit einverstanden sein werden oder ob man auch wirklich bei Nachfragen zu 100% selbstbewusst die Notenfindung darlegen kann…

Selbstverständlich betrifft das – zum Glück – noch nicht alle Eltern; aber irgendwie gibt es unserem Beruf einen etwas bitteren Beigeschmack, wie ich finde. Und manchmal wundere ich mich nicht, dass manche Menschen, die eigentlich motiviert dazu wären, Lehrer zu werden, sich diesem Beruf nicht mehr stellen wollen.

Wie ist eure Meinung dazu? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht?


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Wenn Unterricht in den sozialen Netzwerken auseinandergenommen wird

4 Gedanken zu „Wenn Unterricht in den sozialen Netzwerken auseinandergenommen wird

  • 28. Januar 2018 um 10:10
    Permalink

    Ich gebe dir in dem Punkt vollkommen Recht, dass diese “mediale Ausschlachtung” unsachgemäß ist … wie ja leider bei sehr vielen Themen (Lehrer streiken ja auch nur wegen dem Geld *Ironie aus*). Die Art und Weise steht außer Frage, hinterfragt zu werden …

    Nun aber zum eigentlichen Thema. Ich persönlich finde, dass man das heutige Bildungssystem (konstruktiv!) hinterfragen sollte – und dies schließt seine Bildungsinhalte ein – auch Aufgaben wie die oben genannte Ethik-Testfrage. Das bestimmte Zeitungen usw. sich nicht darum bemühen alle Sachverhalte genauer zu erklären oder konstruktiv zu diskutieren, wissen die meisten. Und ich sage immer: Wer das nicht weiß/reflektiert, auf dessen Meinung muss ich dann auch nichts geben bzw. mich davon beirren lassen.

    Ich denke nicht, dass diese Diskussion unserem Berufsstand geschadet hat. Ich kann von einigen (für mich persönlich so empfundenen) “Sinnlosigkeiten” meiner eigenen Lehrer berichten, die mich auch nicht davon abgehalten haben, in diesen Beruf zu gehen.

    Zum Schluss zur Respektlosigkeit: Ich meine, dies ist ein generelles Gesellschaftsproblem. Unsere Kinder bekommen (meines Erachtens nach) weniger Werte vorgelebt als es bei uns vielleicht noch üblich war – auch durch die Anonymität der Medien geschuldet. Man kann sich heutzutage ja über alle Bereiche im Netz aufregen, ohne dabei einem Menschen in die Augen schauen zu müssen. Bereits frühmorgens im Radio werden (meiner Meinung nach) so genannte Comedy/Witze betrieben, die meiner Meinung für diese Entwicklung kontraproduktiv sind …

    Aber dies ist ein langes Thema. Ich danke dir, dass du deine Plattform nutzt, um hier einen Austausch anzuregen. Ich bin gespannt auf die Resonanz und entschuldige mich für eventuelle Rechtschreibfehler, die durch Schnelltippen entstanden sind (dies nur nebenbei als Vermerk, da ich beim Bloglesen auch mitbekomme, wie LehrerInnen sich untereinander “angiften” können … ich denke also, dass wir den Eltern, die diese Ethikaufgabe veröffentlicht haben nicht alle Schuld geben bzw. Nichtnachdenken unterstellen sollten … jeder macht einmal etwas vielleicht Unbedachtes … wir kennen keine Umstände … sowohl im Kontext der Überlegungen betreffender Kollegin noch seitens der Eltern (vielleicht war dies nicht die erste Aufgabe, die sie unvorteilhaft fanden und Anmerkungen werden von der Lehrkraft nicht angenommen … wir wissen es nicht …)

    Beste Grüße aus Sachsen!

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  • 28. Januar 2018 um 12:48
    Permalink

    Liebe Diana,
    du hast recht! Es sind nicht viele Eltern, die so denken, reden und handeln, aber es werden mehr. Da wird nicht nachgefragt oder nachgedacht, da wird “gehandelt”, aufgrund welcher Motivation auch immer. Und natürlich vergreift man sich als Lehrkraft mal bzgl Aktualität, Fehleranfälligkeit, … bei Arbeitsblättern und Material, das kann man dann aber auch eingestehen (wenn man denn diesbezüglich darauf angesprochen wird). Ich habe Glück und bisher sind Eltern, die “mir Böses wollten” absolut in der Minderheit, aber jeder einzelne Vorfall in dieser Art hinterlässt Spuren und mindert evtl auch die Freude an der täglichen Arbeit. Vor allem, wie du zu Recht schreibst, ist es das aus dem Zusammenhang Gerissene, dass etliche der Kommentatoren gar nicht Bescheid und um die Umstände wissen, diese Ungerechtigkeit mit der schnell verurteilt wird. Leider wird überall leichter geschimpft als gelobt. Ich wünsche dir, mir und allen Lehrern und Lehrerinnen den Mut und die Kraft, sich gegenüber solchen und anderen Ungerechtigkeiten zu wehren und trotzdem die Liebe zu den Kindern und die Freude an dem Beruf zu erhalten! Liebe Grüße, Sissi

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  • 28. Januar 2018 um 13:58
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    Liebe Diana,
    ein toller Beitrag!
    Ich selbst habe so etwas -zum Glück!- noch nicht erlebt, aber eine Kollegin von mir schon. Da wird sich dann in sozialen Netzwerken über Arbeitsblätter oder diverse Aussagen der Lehrkraft/Schule lustig gemacht! Ich verstehe die Entwicklung auch nicht und bin etwas besorgt darüber. Wir selbst versuchen den Kindern einen respektvollen und höflichen Umgang miteinander zu vermitteln, aber manche Eltern leben leider etwas anderes vor! :(

    Liebe Grüße!

    Antworten
  • 28. Januar 2018 um 16:26
    Permalink

    Ein sehr guter Beitrag, liebe Diana, zu einem brandaktuellen Thema! Ich selbst habe bisher nur Erfahrungen in diese Richtung mit Whatsapp gemacht. Mittlerweile ist es ja normal, dass die Elternschaft einer Klasse eine eigene Gruppe bei Whatsapp einrichtet. Dies ist ja grundsätzlich für z.B. organisatorische Dinge recht nützlich, hat aber wie vieles im Leben auch eine Kehrseite. Nämlich wenn es Probleme oder “kritische Nachfragen ” gibt, gibt es ja nichts Schöneres als sich innerhalb dieses anonymen Rahmens über die total unmögliche Lehrerin auszulassen! ( grummel grummel!) Daher werde ich nicht müde, auf jedem Elternabend usw. immer wieder die Vorteile des “persönlichen” Gespräches anzumahnen. Alle anderen “Attacken” per Whatsapp, Facebook & co versuche ich so gut es geht auszublenden. Auch wenn sie auch bei mir ihre Spuren hinterlassen so wie es bereits auch schon hier kommentiert wurde. Uns bleibt wohl nur sich dieser neuen Plattformen tapfer entgegen zu stellen und uns grundsätzlich ein dickes Fell gegen jegliche “shitstorms” zuzulegen. Also besinnen wir uns auf unsere Fähigkeiten und konzentrieren wir uns auf die Kinder. Und letztlich ist es ja so: Nix ist uninteressanter als der Post von gestern…. 😉

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