Die Klasse gibt es seit drei Jahren. Zu ihr gehörten vor allem Kinder aus Osteuropa, die in ihrer Heimat die Grundschule besucht haben und jetzt Deutsch lernen müssen. Mit ihnen redet man langsam, betont und mit vielen Gesten. In zwei Jahren sollen sie soweit sein, dass sie dem Unterricht in einer regulären Klasse folgen können.
Es passiert nicht selten, dass neue Kinder von einem Tag auf den anderen dazu kommen. Die Eltern ziehen meist aus beruflichen Gründen nach Deutschland. Kaum ist die Familie in der Stadt angemeldet, werden die schulpflichtigen Kinder in eine Willkommensklasse geschickt.

Letztes Jahr war die Klasse am Ende des Schuljahres doppelt so groß wie am Anfang. Die Kinder sind daran gewöhnt, neue Kinder in ihrer Mitte aufzunehmen und ihnen zu helfen. Bis jetzt waren es immer neue Osteuropäer und es gab jemand in der Klasse, mit dem die neuen Kinder reden konnten. Nicht dieses Mal.




Nadir und Ghazi (*Namen geändert) kommen aus Afghanistan und Syrien. Sie verständigen sich gegenseitig mit Brocken auf Arabisch und – große Erleichterung – Englisch. Der Syrer spricht lange und seine schwarzen Augen wirken wie hypnotisierend. Ich antworte, dass ich keine Ahnung habe, wovon er redet. In der Hoffnung, er versteht meine Körpersprache irgendwie. Er will zur Klasse, in der Arabisch gesprochen wird. Hier gibt es nur Deutsch, versuche ich ihm zu erklären.
Meine Aufgabe ist es, beide mit zwei anderen neuen Schülern an die deutsche Sprache heranzuführen. An diesem ersten Tag spielen wir alle Memory. Da kann man „gut“ und „nicht gut“ schon einfach üben.

Ghazi sagt spontan „nicht gut, scheiße“. Innerlich grinse ich und denke, dass die Integration manchmal schneller läuft, als es uns recht ist. Mein Gesicht bleibt ernst und ich sage „Scheiße sagt man nicht in der Schule“. „Scheiße nicht gut?“, fragt Ghazi sofort. „Nicht gut“, bestätige ich. „I am sorie“, sagt er und ich nutze gleich die Gelegenheit, ihm das Wort „Entschuldigung“ beizubringen.

An diesem ersten Tag ist es besonders schwer, ihnen die Regeln der Schule zu erklären. Andere Kinder wissen schon, dass Handys Tabu sind. Die Handys von Nadir und Ghazi klingen mitten im Unterricht. Ohne zu zögern, sagen sie „one moment“ und gehen ran.


Marta ist eine unserer neuen Gastautorinnen. Folgt ihr auf diesem Blog in ihrem Alltag in einer Willkommensklasse. Wie finden sich die Kinder zurecht? Wie lernen sie Deutsch? Welche Herausforderungen ergeben sich in der Kommunikation? Was bedeutet das für den Lehrer? Wenn ihr mehr über Marta wissen wollt, lest hier nochmal die Vorstellung der Gastautoren nach.

Wenn ihr weiterlesen wollt, kommt ihr hier zu ihrem nächsten Beitrag „Handyverbot“.

Willkommen in Deutschland! Neustart in einer Willkommensklasse

4 Gedanken zu „Willkommen in Deutschland! Neustart in einer Willkommensklasse

  • 1. Juni 2017 um 21:14
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    Kam es auch bereits zu Abschiedsmomenten, weil ein Kind wieder in die Heimat zurückkehrt? Wenn ja, wie gehen vor allem die Mitschüler, aber auch die Lehrer damit um?

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    • 4. Juni 2017 um 9:20
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      Bis jetzt haben wir „nur“ Kinder von einem Tag auf den anderen verloren, weil sie in eine andere Einrichtung gebracht wurden. Da gab es keine Möglichkeit, sich zu verabschieden. So eine Geschichte kommt bald. „Unsere“ Kinder sind zu jung, um vertrieben zu werden, sie ziehen eher um. Wenn wir es rechtzeitig erfahren, dann gibt es ein richtiges Abschiedsritual. Es war immer wieder rührend zu sehen, dass Kinder, die am Anfang zögerten, uns die Hand zu geben, bei Abschiedsnehmen uns richtig gedrückt haben. Keine diese Abschiedsmomente verlief ohne Tränen von Mitschülern.

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  • 1. Juni 2017 um 23:47
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    Ich finde diese Einrichtung fantastisch – kommen alle Zuwanderer in den Genuss einer solchen Klasse?

    Wir haben gerade an unserer Schule einen Schüler in die erste Klasse bekommen, der nur wenige deutsche Worte beherrscht und dem Leselehrgang entsprechend nicht folgen kann. Wir wünschten eine freiwillige Wiederholung für das Kind zum Sommer, damit es eine Chance hat – die Eltern lehnen dies jedoch bisher ab. Wie soll eine Lehrkraft das schaffen? Integration eines Kindes (welches sich bisher nicht in den Schulalltag integrieren kann: weglaufen, Regale ausräumen, Arbeiten verweigern) + Sprachkenntnisse erweitern + Leselehrgang nachholen und trotzdem 23 weitere Kinder auch weiter fördern und unterrichten? Hier prallen Welten aufeinander und die Politik/Rechtsprechung lässt die Lehrer/Schule im Regen stehen, denn selbst bei solchen Fällen gibt es keine Möglichkeit seitens der Schule eine Wiederholung der ersten Klasse anzuordnen. Inklusion und Integration leicht gemacht: Aber so funktioniert es eben nicht!

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    • 4. Juni 2017 um 9:38
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      Tja, bei uns gibt es viele Zuwanderer vor allem aus Osteuropa – und jetzt die Flüchtlinge. Deswegen wurden solche Klassen eingerichtet. Meine Stelle ist durch die Europäische Union finanziert. Vielleicht lässt es sich in eurer Schule so was einrichten? Was wir auch haben sind viele „kleine“ Stelle, die von der Schule bezahlt werden, pensionierte Lehrer, die 10 Stunden nur diese Kinder unterrichten. Oder auch Leute, die es freiwillig machen. Eine andere Lehrerin in meiner Situation (Ausbildung außerhalb der EU gemacht, deswegen nicht anerkannt) kommt zwei Mal in der Woche zur Parallelklasse und arbeite mit den neuen Kinder. Ich bin an einer Ganztagsklasse gebunden und „darf“ nur diese Kinder helfen.
      Unsere Situation ist es, dass alle Kinder schwach sind und so kommen sie irgendwie weiter. Wir haben in November ein Kind aus einem anderen europäischen Land bekommen, er konnte nach 6 Schuljahre in seiner Muttersprache weder Lesen noch Schreiben. Wir waren verzweifelt, aber jetzt liest das Kind schon Brocken. Obwohl wir eine 5/6. Klasse sind, arbeiten wir eher auf Grundschulniveau. Es geht mit diesen Kindern nicht anders. Zum Lesen lernen benutzen wir eher DaZ Material und das Alphabetisieren geht anders vor als mit muttersprachlichen Kinder. Aber, wie gesagt, sie sind alle in derselben Situation und das macht unsere Aufgabe irgendwie leichter.
      Wir hatten auch Kinder, die nichts lernen konnten, die keine Fortschritte zeigten, die haben wir testen lassen und in eine Förderzentrum untergebracht.

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