Kurz vor den Osterferien wurden wir darum gebeten, die Schüler aus statistischen Gründen nach Herkunft zu sortieren. Von den jetzigen 19 Schüler, kommen 12 aus Osteuropa und eins aus „anderer Teile der Welt“. Flüchtlinge sind es gerade sechs, vier aus Syrien und zwei aus dem Irak.

Die letzten zwei Schüler die kamen sind sehr unterschiedlich. Der Osteuropäer ist sehr groß und trotzdem wirkt er wie ein kleines Kind in seinen Späßen. Als wir Frühlingswortschatz übten, lachte er sich tot in dem er die Kombination „Küken Tag“ schöpfte. Bei einem der Wörter, das sich schwer erklären lies, gab ich ihm ein Wörterbuch, das ein anderer Schüler aus seinem Land besitzt. Er schaute das Wörterbuch mit großen Interesse an, blätterte es und schien die Wörter auszukosten. Mein Eindruck war, dass er zum ersten Mal ein Wörterbuch in der Hand hielt.

Der zweite neue Schüler ist ein Syrer, der schwer mit den anderen hat. Sie mögen ihn nicht, was auch verständlich ist, da er die gutgemeinten Hilfsangebote seiner Mitschüler konsequent ablehnt. Dann fragt er mitten im Unterricht etwas laut auf Arabisch, einfach so, ohne sich zu melden, er fragt einfach jemand anders. Sie sind aber beschäftigt, weil sie gerade aufpassen. Die andere drei sind Musterkinder, was ihre Konzentration betrifft. Mindestens in der Klasse.

Abid kam neulich aufgeregt in der Klasse, weil er seine Jacke und sein Fahrticket in Bus vergessen hat. Er ging mit Layla ins Sekretariat und sagte, er möchte neue Fahrkarte. Alles nicht so einfach. Nach hin und her telefonieren, schrieb ich ihm auf einem Zettel die Adresse des Fundbüros der Stadt. Ausgerechnet dieser Junge hat mir ein paar Tagen davor darum gebeten, ihm eine Lern-DVD auszuleihen, er möchte auf jedem Fall in den Ferien lernen. Ich ließ seine Mutter einen Zettel auf Englisch unterschreiben, dass sie davon wusste. Was natürlich trotzdem nichts bringt, soll das Kind die DVD tatsächlich verlieren.

Diese Kinder haben ein ganz anderes Verständnis von Ferien. „Ferien nicht gut“, sagte Junus am letzten Tag vor den Osterferien. Keine Frau … und er sagt mein schwieriger Deutschnachname, was mein Lehrerin Herz gleich zu schmelzen bringt. Schule gut, sagt Junus, Ferien nicht gut.

Junus spielte eine besondere Rolle an diesem letzten Tag. Ich kaufte einige Ostereier und Hasen und wir spielten verstecken und finden in der Klasse. Was as eine 10-Minuten Spiel gedacht war, wurde zur Beschäftigung der ganzen Nachmittages, die Kinder wollten einfach nicht aufhören, Ostereier in der Klasse zu suchen. Junus verstand das Spiel nicht auf Anhieb und wiederholte stets „kalt, kalt, kalt“. Wäre es nach ihm gegangen, hätte niemand in diesen verschneiten Nachmittag kurz vor Ostern die Schokoladeneier gefunden.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie “Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse” nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: der erste Schnee

2 Gedanken zu „Willkommensklasse: der erste Schnee

  • 3. August 2017 um 12:47
    Permalink

    Du schreibst so toll!
    Vielen Dank für diesen wunderbaren und sehr interessanten Einblick!
    Liebe Grüße,
    Sandra

    Antworten
  • 5. August 2017 um 11:04
    Permalink

    Vielen Dank! Es tut so gut zu sehen, dass jemand diese Geschichten liest und mehr über das Leben dieser Kinder erfährt. Bei der Diskussionen um das “Flüchtlingsproblem” gehen diese menschlichen Erlebnisse verloren.
    Deine Wörter motivieren mich, weiter zu machen!

    Antworten

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