In der letzten Woche vor den Sommerferien saßen wir in einem Kreis und öffneten die Zettel, die wir in diesem Jahr gesammelt hatten. Immer wenn die Klasse was Besonderes erlebt hatte, schrieben wir es auf einen Zettel und sammelten sie in einer Box. Diese Box war so verschlossen, dass wir im Lauf des Jahres nur etwas hineingesteckt hatten, ohne was von drinnen zu sehen. Wir wussten nicht mehr, wie viele Zettel darin waren oder was genau dort stand. So war es eine große Freude, gemeinsam den Inhalt der Box zu erkunden.

Ein Schuljahr ist vollendet und was haben wir alles erlebt: zum ersten Mal Kinder, die aus einem Krieg kamen. Ein Mädchen schenkte der Klassenlehrerin am letzten Tag eine Sammlung von Blättern, die sie mit Bildern und kurzen Sätzen entwarf. Sie erzählte, in ihrer Heimat sind die Lehrer böse und schlagen die Kinder. Außerdem gibt es Bomben. Auch wenn sie traurig ist, weil sie im Krieg zwei Geschwister verloren hat, fühlt sie sich sehr sicher und war nie so glücklich.

Was haben diese Kinder alles für Veränderungen erlebt in diesem Jahr? Winter, Weihnachten, eine gemischte Schule, Lehrer mit langen Haaren oder Piercings, Lehrerinnen, die auf Augenhöhe mit ihren Vätern redeten. Statt einer Familie einen Vormund zu haben. In einer großen Gemeinschaft im Heim zu leben und ein Zimmer für die ganze Familie zu haben. Spielzeuge, die sie noch nicht kannten. Junus verbrachte die letzten Schultage in Krankenhaus, weil er sich den Arm beim Rollerfahren brach.

Was haben wir alles gemacht? Wir waren in Museen, im Kino, im Theater, wir haben gemalt und gebastelt, lernten mit den vielen Wörtern auch Konzepte, die für sie fremd waren. Wir haben Ostereier gesucht und Gummibärchen gegessen, die Halal waren und damit auch für Muslime in Ordnung.

Als Ibrahim im November zu uns kam, hieß es, er hat vier Brüder, die mit der Mutter mitgekommen sind. In Juni erzählte er mir, er hat nur einem Bruder. Die anderen, die mitgekommen sind, sind Cousins. Mittlerweile wissen wir, dass für sie Cousin irgendjemand im selben Dorf bedeutet. Diese Frau, die aussieht wie eine Oma und Jahrgang 1982 ist, hat den langen Weg vom Irak hierher mit vier pubertierenden Jungen bewältigt.

Als junges Mädchen war „Der Fänger im Roggen“ mein Lieblingsbuch. Die Idee, im Roggenfeld spielende Kinder vor dem Sturz in einen Abgrund zu schützen, faszinierte mich dermaßen, dass ich Lehrerin wurde. Nie war ich meinem Jugendtraum so nah gekommen wie in diesem Schuljahr.


Dieser Beitrag ist der Abschluss der Serie „Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse“. Wenn du die vorherigen Beiträge nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: Die Sommerferien kommen

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