Gleich am ersten Tag haben sich die anderen Kinder über Nadirs und Ghazis Handybenutzung beschwert. Als alle auf dem Schulhof waren, kamen die anderen Kinder um mir zu erzählen, dass sie sich hinter einem Busch versteckten, um ihre Handys zu benutzen. Den Trick kennen alle. Meistens wollen die Kinder mit ihren Handys spielen oder sich gegenseitig was zeigen. Für die Neuen hat ihr Mobiltelefon eine andere Funktion.

Dies haben die anderen Kinder auch verstanden, als sie von der Klassenlehrerin hörten, dass beide ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind. Die Kinder unserer Willkommensklasse leben meistens bei beiden Eltern und konnten sich nicht vorstellen, so eine große Reise ohne sie zu unternehmen. Als sie in der Weltkarte Afghanistan fanden, schauten sie den kleinen Nadir noch aufmerksamer an. So ein kleiner Kerl, gerade 11 Jahre alt – allein? Das wissen wir natürlich nicht, weil keiner es erklären kann. Wir können nur vermuten, dass das Kind einem älteren Cousin oder Freunden der Familie anvertraut wurde.

Wer sie anruft, wissen wir nach ein paar Tagen ganz sicher: es sind ihre Väter. Sie grinsen, sagen „father“ und für einen kurzen Augenblick schauen sie genauso genervt von den Vätern, wie jedes Kind, das sich kontrolliert fühlt. Die andere Kinder schauen jetzt weg, wenn beide hinter die Büsche gehen, wir wiederholen jeden Tag, dass Handys in der Schule verboten sind. Mal malen wir ein Verbotsschild auf der Tafel, mal zeigen wir auf das Gerät und sagen „nein“, irgendwie werden sie schon mitbekommen, dass es nicht geht.

Als ich einmal genervt war, weil während meines Unterrichts das Handy von Nadir dreimal klingelte, sagte ich ihm, er sollte das Gerät einfach zur Seite tun. Ich wollte es demonstrieren und stieß dabei auf eisernen Widerstand. Um sein Mobiltelefon herum klammerte seine Hand so als hätte er Klauen. Langsam verstehe ich, dass er das Gerät nicht loslassen kann, denn das ist seine einzige Verbindung zu seiner Familie.

Ghazis hat eigentlich ein Smartphone mit einigen eigespeicherten Bildern. Ein ganz seltsames Gefühl: vor mir auf dem Bildschirm steht ein Junge, dessen Hand voller Blut ist. Vor mir in der Wirklichkeit steht ein gut aussehender Junge in einem blütenweißen Hemd. Es ist ein und derselbe.

Ein Ausflug zu einem Museum stand auf der Tagesordnung, kurz nachdem die Neuen zu uns gekommen sind. Mitten in der Erklärung der Museumspädagogin schallt ein Lied, wie aus dem Bauchtanzunterricht. Wieder ruft ein Vater seinen Sohn an.


Wer den ersten Beitrag dieser Serie “Willkommen in Deutschland” noch einmal lesen möchte, klickt bitte auf den Link.

Willkommensklasse: Handyverbot

Ein Gedanke zu „Willkommensklasse: Handyverbot

  • 8. Juni 2017 um 18:15
    Permalink

    Man kann sich nicht wirklich vorstellen, wie es ist als Kind allein in einem fremden Land zu sein. Sprache neu, Lebensgewohnheiten neu und alles bisher Vertraute ist weit weg. Welch Verzweiflung dahinterstecken muss. Ich denke, es ist nachvollziehbar, dass das Handy nicht losgelassen wird.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.