Die Schule (und ich meine nicht nur die, in der ich arbeite) ist nicht auf den Ramadan vorbereitet. Wie Layla uns erklärt, haben die Kinder während des Ramadan schulfrei. Sie müssen nicht neben Schulkameraden sitzen, die ihr Mittagessen nehmen, während die muslimischen Kinder, die für dasselbe Essen auch bezahlt haben, fasten. Sie müssen nicht auch am Nachmittag mit müdem Blick versuchen, dem Unterricht zu folgen.

Mensch, sind sie tapfer! Wenn ich mir überlege, wie viel Mühe es mich kostet, mich ein paar Tage „gesund“ zu ernähren jedes Mal, dass die Hose kneift, dann bewundere ich diese Kinder noch mehr.

Gleich in der ersten Ramadan-Woche machten wir einen Ausflug, einen Museumsbesuch. Die Kinder wollten danach ein Eis essen. Die Fastenden standen einfach daneben, erschöpft. Zusammen, um sich Halt zu geben. Dass sie nicht mal trinken dürfen, finden wir Erwachsenen noch schlimmer, denn uns ist es warm.

So warm, dass die PCB-Lehrerin sich die Mühe gab, an einem Tag der Klasse beizubringen, wie man sich vor der Hitze schützt. Sie lernten, sie sollten sich eincremen, viel trinken, im Schatten spielen… Sie waren beeindruckt, dass es so viel Wissen gab darüber, wie man mit der Hitze umgeht. Das war Anfang Juli und die Temperaturen waren gerade auf 20 Grad gestiegen. Abid bekundet ganz offiziell: er möchte etwas fragen. „Ja?“ Dann kam die Frage: „Wann beginnt der Sommer hier?“ Ich sagte es ihm. „Aber dann, ist schon“, sagte er und bewegte die Hände nach hinten. Ja, bestätigte ich, der Sommer hat schon angefangen. Er bedankte sich, höflich wie immer.

Die Institution, für die ich arbeite, organisierte während des Ramadan einen Vortrag darüber. Frauen, die auch fasteten, bereiteten ein üppiges Büffet mit typischen Ramadanspeisen aus verschiedenen Ländern. Dort erfuhr ich, dass die Kinder keineswegs hätten fasten müssen. Das ist nicht vorgesehen. Stillende Mütter, Kranke und Kinder bis zur Pubertät – sie alle sind vom Fasten befreit. Und einige von unseren Kindern sind von der Pubertät noch gute zwei Jahre entfernt. Sie mussten nicht, sie wollten, erklärte der Religionswissenschaftler. Wie alle andere Kinder sehnen diese sich danach, endlich groß zu werden. Fasten ist ihre Art zu zeigen, dass sie soweit sind.

Zum Glück nicht immer und nicht die ganze Zeit. Irgendwann verkündet Abid, „heute faste ich nicht, heute habe ich viel zu viel Hunger“. Ich habe jetzt gelernt, das geht auch. Man kann das Fasten unterbrechen. Am Tag nach dem Vortrag beschwerte sich Junus darüber, dass er Kopfschmerzen hatte. Ich war von meiner Stimme überrascht, als es ganz spontan von mir kam: „Dann trink doch etwas, oder iss was heute. Gott liebt dich und möchte nicht, dass es dir schlecht geht.“ Ups, was war das? Ich bin ein unreligiöser Mensch: Dass ich mal so etwas sagen würde, das habe ich nicht gedacht. Aber der Vortrag wirkte nach.

Irgendwann war Bayram und die Muslime hatten zwei Tage schulfrei. Die Klasse war plötzlich leer, ich merkte sofort, wie ich diese Kinder vermisste. Schon am zweiten Tag kam ein Mädchen zurück, während andere Kinder, die nicht gefastet hatten, einfach die kleinen Ferien genossen. Ein anderes Mädchen brachte drei Tage nach Bayran einen Kuchen, weil sie Geburtstag hatte. So konnten wir das Thema Ramadan gemeinsam abschliessen.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie „Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse“ nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: Mein erster Ramadan

4 Gedanken zu „Willkommensklasse: Mein erster Ramadan

  • 7. September 2017 um 11:26
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    Jeder dieser Beiträge rührt mich zutiefst an. Danke. Einfache Geschichten, die das Herz berühren…

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    • 7. September 2017 um 12:38
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      Mich genauso, liebe Marta, wirklich toll das mitzuerleben :)

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  • 7. September 2017 um 21:45
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    Warum sollte die Schule auch auf den Ramadan vorbereitet sein?
    Wir leben nicht in einem muslimischen Land! Kinder, die noch nicht mal das Pubertätsalter erreicht haben, werden hier als Fastende thematisiert – wie schrecklich! Und das soll etwas Tapferes sein?! „Mensch, sind sie tapfer!“ Und dann wird dies von der Autorin auch noch bewundert?! „dann bewundere ich diese Kinder noch mehr.“
    Es ist Körperverletzung, Kindern Essen und Trinken zu verweigern. Welches Kind macht dies freiwillig? Welche Eltern lassen dies freiwillig zu?? Da sind die Kopfschmerzen des Jungen wohl noch das geringste Übel bei diesem Thema.

    Und dann die Fastenden so hervorzuheben, als Pädagogin an einer deutschen staatlichen Schule….
    Die Kinder bekommen 2 Tage schulfrei – zusätzlich zu den üblichen freien Schultagen. Und die Autorin beklagt sich darüber, dass sie woanders (wo eigentlich?) zu Ramadan schulfrei hätten.

    Unglaublich….findet ihr Leserinnen das alles so in Ordnung???

    Ich bin gerade sprachlos und gespannt darauf, ob denn alle hier so gerührt sind ob dieses wirklich toll mitzuerlebenden Themas.

    VG, Grundschullehrerin

    Antworten
  • 7. September 2017 um 22:36
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    Hallo,
    wir haben ähnliche Erfahrungen. In diesem Jahr kam der Zeitpunkt des Ramadan im Frühsommer erschwerend dazu. Das Fastenbrechen passierte so spät, dass nach Kochen und Essen die Familien erst nach Mitternacht zur Ruhe kamen. Oft standen sie bereits vor 4 Uhr morgens wieder auf, um sich für den Tag sattzuessen. Da die Familien sehr beengt wohnen, oft in nur einem Zimmer, kamen die Kinder kaum zum Schlafen. Regelmäßig sind sie dann im Unterricht eingeschlafen.
    Nachdem wir den deutschen Kindern den Sachverhalt erklärt hatten, waren sie sehr rücksichtsvoll und sind auf Zehenspitzen um die kleinen Schläfer herumgeschlichen.

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