Die Frau, die mich begrüßt beim Asylantenheim, ist sehr hübsch und gepflegt. Sie bemüht sich darum, mir einen Eindruck von Ordnung in dem Heim zu vermitteln. Schafft sie auch, ich bin hinterher fast überzeugt, dass es wie ein englisches Internat funktioniert. Alles ist gut organisiert, im Keller haben die Kinder eine Art „Toberaum“ inklusive Boxsack, vor den Zimmern hängen Zettel in verschiedenen Sprachen mit Aufgaben, die jeder zu erledigen hat (Spüle putzen, etc.).

Die Sozialpädagogin erklärt, dass ein Platz in einem anderen Heim derselben Träger frei geworden ist und Nadir deswegen dorthin ging. Ghazi soll zuerst in der Schule bleiben, aber wenn ein anderer Platz frei wird, geht auch er weg. Im Moment ist er in der Schule sehr glücklich, erzählt sie mir, wenn er zurück kommt sagt er immer, „Schule gut“. Als ich fragte, was wir sonst für ihn machen könnten, sagte sie einfach, weiterhin so mit Ghazi umgehen, dass er die Schule als was Positives betrachtet. Sie bemühen sich darum, den Kindern klar zu machen, dass es wichtig ist, dass sie in die Schule gehen.

Ich fragte, ob es Ghazi klar ist, dass er eine Übergangsklasse besucht. Natürlich, sagt sie. Alle unsere Kinder gehen in eine Übergangsklasse. Wieso würde er das erkennen, frage ich mich. Unsere Schüler kommen meistens aus Osteuropa, sind blass, haben helle Augen, helles Haar. Das, was er vermutlich als Deutsch sieht. Am nächsten Tag merke ich, dass es ihm bewusst wird, dass nicht alle Kinder gleich gut Deutsch können. Das Mädchen, das als Letztes in unsere Klasse kam, hat mit ihm zusammen Unterricht und kennt auch nicht alle Wörter.

Ich nutze die Gelegenheit und hole nochmal eine Weltkarte. Wir sitzen alle am Boden, die Karte zwischen mir und drei Kindern. Das erste, was Ghazi an der Karte erkennt, ist Mekka. „Mekka, Allah, Allah“ und zeigt mit den Händen, als würde er beten. Dann zeigen die anderen Kinder, woher sie kommen. Ich zeige allen Deutschland und wir machen mit dem Zeigefinger den Weg nach.

Als wir hinterher am Tisch saßen und ein Spiel spielten (die drei lieben Domino und ich nutze die Gelegenheit, Farben und Zahlen zu wiederholen), wird Ghazi sehr müde und kaut an seinen Fingernägeln. Sein Handy ist kaputt, erzählt er mir. Und ich frage mich, wie es für ihn ist, jetzt ohne die Anrufe von seiner Familie weiter zu leben. Wie es ist, mit drei anderen Jungen ein Zimmer zu teilen. Einer davon ist sein bester Freund und er sagt über ihn „mein Bruder im“ und zeigt auf sein Herz. Mit ihm verbringt er die Pause. In unserer Klasse ist er immer noch ein Außenseiter, ein Fremder, noch fremder als die ausländischen Kinder, die nach und nach hier ankommen.

Zwei Mädchen waren zu ersten Mal in ihren Leben bei einem Laternenumzug.Was andere vom Kindergarten kennen, erleben sie zum ersten Mal und erzählen dementsprechend aufgeregt, dass die kleinen Brüder mit einer Laterne in der Hand gelaufen sind. Eins davon hatte dabei die Mädchen mit seinem Stock gepikst und nachdem er von der Erzieherin ermahnt wurde, packte ihn die Mutter und ging mit ihm nach Hause. Das Laternelaufen endete schnell für das Mädchen, den Rest des Abends hatte sie das Gebrüll ihrer Brüder zu ertragen. Ein bisschen singen konnte sie am nächsten Tag trotzdem.

Was denken sich Kinder, die aus muslimisch geprägten Ländern kommen, wenn sie unsere ganze Advents- und Weihnachtssitte miterleben? Sehen sie das ganze als Spektakel, haben sie eine Vorstellung von den Werten, die dahinter stecken? Oder erleben sie das irgendwie in der selben Art und Weise, wie wir meinen zu verstehen, wenn ein Kind aus Syrien zu Mekka zeigt und die Gesten von Betten macht?


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie “Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse” nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: Mein erstes Mal in einem Asylantenheim

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