Neue Kinder aus Syrien kamen mit kurzem Abstand voneinander. Zuerst war ein Mädchen da. Ihre ältere Schwester ging in eine andere Klasse. Als die Schule für die Schwester aus war, hatte sie keine Ahnung, wie sie nach Hause sollte. Sie durfte dann in unserer Klasse am Nachmittag bleiben, danach konnten beide mit Ibrahin, der im selben Heim lebt, fahren. Aber dazu kam es nicht, denn Laylas Vater stand kurz nach drei vor der Tür. Er musste kurz warten, da die anderen Kinder bis 15:30 Uhr Unterricht hatten. Dann konnte ich mit ihm sprechen.

Sein Englisch war fließend und er konnte erklären, warum er nicht wollte, dass seine Tochter mittags in der Schule blieb:
-They will give her pig.
No, they won’t. Ich erklärte, andere muslimische Kinder besuchen unsere Schule und die Mensa ist darauf vorbereitet. Sie muss nur vermerken lassen, dass sie kein Schweinefleisch isst. Dann zeigte er mir den Zettel, den er von der Schule bekam und sagte:
-But that would be a problem.

Ich sah die Zahlen, auf die er zeigte. Das ist der Betrag, der das Essen monatlich kostet. Er muss nicht selber bezahlen, erklärte ich wieder. Er muss diesen Zettel in seinen Wohheim zeigen.
-Ah, Sozial.
Von nun an war ihm klar, dass ich irgendwas mit Sozial zu tun hatte. Alle Probleme, die irgendwie in diese Kategorie gehörten, landeten dann bei mir.

Zum Beispiel zwei Wochen später, als der neue Schüler aus Syrien (Laylas Vater kam extra nach der Schule, um uns den Vater vorzustellen: -My friend.) noch kein Schulmaterial hatte. Abid ist ein süßer und sehr fleißiger Schüler, sein Vater, erfuhr ich später, ist Zahnarzt. Er zeigte auf Laylas Schultasche und sagte: Layla, Caritas, Heft und ich, dann zog er die Schultern hoch. Layla half: „nichts“. Er dauerte eine Weile, bis die Situation erklärt werden konnte. Layla hat scheinbar zwei Kopien der Materialliste bekommen und diese Kopien der Leitung der Caritas in ihrem Heim weitergegeben. Daraufhin bekam sie ihr Schulmaterial. Abid bestand darauf, auch zwei Kopien der Materialliste zu bekommen, denn damit wäre der Erfolg der Aktion gesichert. Um mir zu zeigen, was sie alles hatte, packte Layla ihre Schultasche vor meinen Augen. Sie nahm jedes Heft in der Hand und zeigte: Caritas, Caritas… und Caritas. Das Wort als Synonym für Schulmaterial mindestens zehn mal verwendet.

Es tut mir leid für Layla, dass sie in einer Lerngruppe mit lauter Jungen zusammensitzen muss. Die Situation, in einem gemischten Klassenzimmer zu sitzen, ist für sie alle scheinbar neu und es wird jedes Mal gekichert, wenn jemand einen Fehler macht. Besonders oft macht es Junus, ein Junge, der auch einen älteren Bruder in einer anderen Klasse hat. Der hält sich für sehr klug – seine Handschrift ist erbärmlich. Die erste Aufgabe, die er von mir bekam, war die Schriftweise der Zahlen zu üben. Nein, die acht schreibt man nicht von rechts nach links und von unten nach oben, musste er lernen.
Als die drei schon ein eingespieltes Team waren, kam ein neuer Junge dazu. Diesmal aus Rumänien.


 

Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie “Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse” nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: Und dann waren andere da, Teil II

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