Ibrahim blieb nicht lange unser einziges Flüchtlingskind in der Klasse, als Ghazi ging. Der Charmeur hat unsere Herzen erobert und alle waren ein bisschen traurig, als er eines Tages kam, um zu sagen, dass er ging. Als ich an dem Tag in die Schule kam, war er schon weg. Ibrahim hatte für einige Tage Einzelunterricht, bis Louis kam.

Louis war zehn Jahre alt und nicht charmant wie Ghazi oder entspannt-frech wie Nadir. Er war einfach traumatisiert. Er lief wie ein Schatten ein paar Tage durch die Schule, ohne dass wir genau wussten, was wir mit ihm machen sollten. Falsch, ich sollte sagen, wir, die Frauen. Dem männlichen Kollegen, der als Stellvertretender Klassenlehrer arbeitet, fühlte sich Louis besonders verbunden. Ganz zu unserem Erstaunen umarmte Louis ihn und versuchte so viel Körperkontakt zu bekommen wie nur möglich. Für alle anderen war er unzugänglich.

Er konnte weder lesen noch schreiben und das war ihm peinlich. Üben wollte er nicht. Als er differenzierte Aufgaben bekam, weigerte er sich dagegen. Zu mir ins Nebenzimmer, um zu lernen, wollte er nicht. Als er kurz vor Weihnachten wegblieb, war ich nicht besonders traurig. Vor allem weil Ibrahim, der einzige, der mit ihm reden konnte, erzählte, sein Vater wurde in Hamburg gefunden und der Junge sollte zu ihm gehen. Keiner hat die Geschichte bestätigt und doch wollten alle daran glauben. Wie haben sich die beiden auf dem Weg aus den Augen verloren? So sehr, dass zwischen beiden mehr als 500 Kilometer lagen?

Nachdem Ibrahim einige Wochen bei uns war, bat er mich eines Tages, als er allein mit mir war, um ein Gespräch. Dann erklärt er, er sei nicht 12. Das war ein Fehler, als er sein Asylantrag stellte. Da gab es keinen Übersetzer und sein Alter wurde geschätzt. Er ist groß, aber eher rundlich und wurde als 11-jähriger zu uns in die 5./6. Klasse geschickt. Als die Schule für ihn vertrauter wurde, merkte er, dass seine Klassenkameraden zu kindisch waren. Er möchte in die Klasse mit den coolen Mädchen.

-Ich nicht 12, ich 16, erzählte er mir.
Und dann musste ich rechnen. Nee, wenn er tatsächlich November 2001 statt 2003 geboren wurde, kann er im Januar nicht 16 sein, sondern 15. Dagegen konnte er auch argumentieren.
-Lennie 14, ich, 15. Ich Klasse change?
Ich versprach ihm, ich würde sehen, was wir machen können.

Bei uns entscheidet die Rektorin, wer in welche Klasse kommt. Ich erzählte ihr die Geschichte und fragte, ob er die Klasse wechseln könnte. Sie erklärte mir eine lange Geschichte über alles, was passieren muss, damit das Schulamt der Schule eine Nachricht mit der Datenänderung sendet. Erst danach durfte sie ihn in eine andere Klasse schicken. Ich versuchte ihm dies zu erklären. Es war nicht leicht, doch es tat gut zu sehen, wie er so viel gelernt hat, dass er in der Lage war, mit mir über mehrere Möglichkeiten zu diskutieren.

-Meine Mutter kommt Schule und sagt, ich 15, ich Klasse change?
-Meine Mutter kommt Schule und mein Geburtsurkunde zeigt, ich Klasse change?
-Meine Mutter kommt Schule und unterschreibt Papier, ich 15, ich Klasse change?
Er musste mit seiner Mutter ins Rathaus. Dort konnte sie das ändern lassen.
-OK, morgen Schule. Ich mit meiner Mutter gehe Samstag?
Nein, Samstag Rathaus geschlossen.

Ich gab ihm einen Zettel mit der Adresse: Straßenname und Nummer. Er zeigt auf der Nummer und fragt:
-Nummer Bus?
Und so blieb Ibrahim noch ein paar Wochen bei uns.


Wenn du die vorherigen Teile von Martas Serie „Aus dem Alltag in einer Willkommensklasse“ nochmal lesen möchtest, klicke bitte hier.

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Willkommensklasse: Und dann waren andere da

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